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Media-Man

 
         
      von Andreas Ingerl  
       
     

Szene 1 - Früher Morgen

Er verlässt das heruntergekommene Jugendstil-Haus in der Stuttgarter Innenstadt. Das fade Licht der Morgensonne lässt den teilweie heruntergfallenen Putz der Hauses dreckig erscheinen. Kurz zuvor sind im obersten Geschoss, unter der mächtigen Glaskuppel die Lichter gelöscht worden. Die schwere reich mit abgegriffenen Schnitzereien verzierte Tür fällt hinter ihm ins Schloss. Er läuft den Gehweg hinunter. Sein Schritt ist schnell und bestimmt. Schritt für Schritt setzt er auf das Plaster, wie nach einem gewohnten Plan. Sein Blick ist nach unten gewandt. Wir sehen ihn, heute und die Tage zuvor. Wir wissen das er dort oben wohnt, wir wissen es schon lange, schon immer.
Er ist gross, dunkle etwas längere Haare, die meist etwas wild aus dem Gesicht geföhnt sind. Er trägt einen Anzug der nicht so richtig zu ihm passen will. Er scheint zu schlank für diesen Anzug zu sein. Er ist sauber rasiert.
Er überquert die Strasse, blickt nicht links und rechts. Geht geradewegs durch die feuchtkalte Morgenluft zur nächsten Haltestelle der S-Bahn. Wir folgen ihm in einigem Abstand. Er geht leicht gebückt den Blick immer nach unten gerichtet. Seine Hände in den Hosentaschen, so wie er immer geht. Die Haltestelle ist nicht weit entfernt. Eine ganze Reihe Menschen halten sich dort auf. Doch um ihn herum steht niemand. Es scheint als ob sie ihn meiden ohne es zu wissen. Wir stehen seitlich neben ihm. Blicken ihn an. Er verzieht keine Miene, keine Regung seines Gesichts verrät uns wie es ihm geht, geschweige den was er denkt. Doch trotz allem wissen wir es. Seit langem, nein schon immer.

MANN DENKT: Ich weiss nicht warum ich dort hin gehe. Es wird scheisse sein. Ich werde es hassen. Und trotzdem gehe ich hin. Ich habe keine Wahl, ich muss. Ich kann nicht ewig nichts tun. Irgendwann will mich niemand mehr. Ausserdem ist es schlecht wenn so eine Pause zu lange dauert.

Die S-Bahn kommt an. Quietschen, leicht spritzt das Wasser von den Schienen nach oben. Die Menschen sind in ihre langen Mäntel gehüllt und ziehen die Nasen noch, oder schnäuzten in Taschentücher. Er verzieht dabei keine Miene. Er steigt ein, die S-Bahn fährt ab.

 
     

Szene 2 - Früher Morgen

Einige Stationen weiter, wir sind schon da. Er steigt aus der S-Bahn aus. Wir folgen seinen nun schnelleren Schritten, zu einem neuen Gebäude mit der Aufschrift Bankhaus Hemminger und Partner. Das riessige Gebäude beugt sich über uns hinweg. Die riesigen Fenster starren uns an als ob sie uns fern halten wollen. Das Gebäude wirkt bedrohlich und wenig einladend. Wir folgen ihm in den Aufzug.

MANN DENKT: Scheisse ich bin fast zu spät, das fängt ja schon toll an. Verdammte Scheisse.

Wir stehen hinter ihm, so nahe das wir sein Parfum riechen können. Plötzlich zuckt er, wir schrecken zurück. Er kratzt sich am Hals als ob ihn unser Atem dort gekitzelt hätte. Er steigt aus, folgt dem langen Gang, bis zu einer knallorangenen Doppeltüre. Er stösst sie auf und folgt dem ebenfalls orangefarbenen Linoliumboden bis zu einer Glaswand. Er Läuft links herum und blickt in ein riesiges Büro. Viele Menschen vor Computern in geschäftiger Konzentration. Eine junge Frau geht bestimmten Schrittes auf ihn zu.

JUNGE FRAU: Herr … sie sind zu spät. Folgen Sie mir.

MANN DENKT: Du kleines Miststück, was sind schon 2 Minuten, fall doch tot um Spiesserin.

Er folgt ihr. Wir folgen ihm. Sie öffnet eine Türe. Dahinter ein helles fast freundliches Büro. Hinter dem Schreibtisch ein Mann. Mitte 40, gut gekleidet, durchaus Charismatisch. Ohne hochzublicken sagt er:

CHEF: Setzen Sie sich Herr … , 3 Minuten zu spät. Naja das kann man noch verzeihen.

Er setzt sich auf einen der Stühle. Wir auf den Anderen. Der Mann blickt auf, blickt ihn an und wirft eine Mappe auf den Tisch. Darauf steht sein Name.


CHEF: Nun Herr …, es freut mich Sie zu sehen. Ich habe gerade nochmals ihre Unterlagen studiert. Ihr Lebenslauf liest sich sehr gut. Ausgezeichnetes Studium, Selbständig für mehrere Jahre, einige weitere gute Anstellungen, und Ihre Tätigkeiten in Forschung und Lehre. Nicht viele Bewerber mit Mitte 30 haben das vorzuweisen.

MANN: Danke

CHEF: Nun, was führt Sie nun gerade zu uns, warum haben sie sich hier beworben?

MANN: Man sagt sie seinen die Besten!

CHEF: Nun das sagt man und es ist wohl auch so, aber wir nehmen nur die Besten, das ist Ihnen wohl klar oder? Antworten Sie nicht, sie könnten nur etwas falsches sagen. Ich würde sagen, was ich normalerweise nicht tue, sie fangen einfach mal an, wenn wir zufrieden sind können sie bleiben. 4 Wochen auf Probe, ohne Gehalt und dann sehen wir weiter. Machen Sie sich noch einen schönen Tag, und wir sehen uns morgen um 8 Uhr hier. Dann werden sie für 4 Wochen ein Teil der Familie. Sie können jetzt gehen.

Fast zeitgleich stehen wir auf. Er verlässt wortlos den Raum. Die junge Frau die ihn hereinbegleitet hat, versucht ihn wieder hinauszubegleiten. Doch er winkt ab, und geht den Weg zum Ausgang. Wir sind schon draussen, wir kennen den Weg, jeden Weg.

 
      Szene 3 - Früher Abend

Wir tauchen in einem sprudelnden Becken Wasser auf. Es ist bereits dunkel, das Wasser ist beleuchtet. Nur wenige Menschen bevölkern das Bad. Über uns der kalte sternenklare Abendhimmel, unter uns das warme dampfende Wasser des Bades. Der Blick ist verschleiert. Als wir um eine Ecke schwimmen, sehen wir ihn. Er liegt am Rande des Beckens, bewegungslos im Wasser. Seine Augen geschlossen, sein Gesicht ohne Ausdruck. Langsam Schwimmen wir näher, tauchen kurz unter. Und kurz vor Ihm wieder auf.

MANN DENKT: Dieser miese Wichser für was hält der sich eigentlich. Wir sind die besten. Was weiss der was Gut ist. Er denkt das aber… Ach ist auch egal. Ich ziehe das durch so lange ich kann und dann suche ich mir was neues. Ich mach da meinen Job und gut. Geld das man bei einem Arschloch verdient, stinkt nicht mehr als anderes.

Plötzlich erschrickt er, blickt sich hektisch um als ob ihn jemand bedrohen würde. Schnell schwimmt er weg, während wir langsam untertauchen. Er verlässt das Becken.
 
     

Szene 4 - Später Abend/Nacht

Die schwere Tür des Jugenstilhauses wird geöffnet. Wir stehen drinnen. Er betritt das Haus. Seine Haare sind noch nass vom Baden. Er läuft an uns vorbei die Treppen hoch. Oben öffnet er die Türe. Wir folgen ihm in seine Wohnung. Sie wirkt leer und karg, doch scheint alles so zu sein wie er es erdacht hat. Nichts ist überflüssig, alles besitzt seinen Platz. Nichts ist ramsch, alles ist wohl auf einander abgestimmt. Wir fühlen uns wohl, weil es eine ungewöhnliche und geschmackvolle Einrichtung ist. Aber irgendetwas stösst uns ab, irgendetwas ist kalt hier, nahezu unmenschlich. Wir sehen uns langsam und vorsichtig um, wir suchen nach etwas das wir die ganze Zeit zuvor noch nicht entdeckt haben, was uns dieses Gefühl erklärt. Doch wie jeden Tag finden wir nichts. Er sitzt auf der Couch. Stellt die Stereoanlage an. Schreiende Töne drängen sich uns entgegen. Viel zu laute und etwas übertrieben verspielte Rockmusik. Doch nur kurz müssen wir das ertragen. Die Uhr der Stereoanlage deutet uns 22 Uhr. Der Timer springt an und fadet die Musik automatisch auf Zimmerlautstärke. Wir blicken uns um, er steht plötzlich hinter uns. Blickt ebenfalls auf die Uhr.

MANN DENKT: Scheisse schon 22 Uhr, drecks Nachtruhe.

Er setzt sich an einen Schreibtisch vor sein Laptop. Der Schreibtisch ist direkt unter der Glaskuppel mitten im Raum. Wie ein Nabel zu einer anderen Welt. Wie ein Fremdkörper in dieser Wohnung. Er beginnt zu surfen, Malis zu lesen, stundenlang sitzt er dort. Unbewegt, ausser seinen Augen und seinen Händen. Also ob er nie müde werden würde.
Plötzlich steht er auf. Wir haben vor lauter Trägheit der Stunden, mühe ihm zu folgen. Er geht ins Bad. Wir erwarten ihn an der Unterseite seines Bettes. Er steigt ins Bett, deckt sich zu. Wir schauen über seine Füsse auf ihn hinauf. Sehen ihn wie er einschläft, wie sein Brustkorb sich bewegt. Er sich immer wieder umdreht. Auf und zu deckt. Sich im Schlaf von einer Seite zur nächsten wälzt. Er schläft, unruhig zwar aber er schläft die ganze Nacht

 
      Szene 5 - Früher Morgen

Plötzlich schreckt er hoch, sitzt binnen Sekunden senkrecht im Bett. Blickt starr gerade aus. Blickt uns fast an. Wir versuchen zu entkommen, nach hinten ohne den Blick von ihm zu richten. Er sitzt starr da. Wie gebannt starrt er gerade aus, blickt nur um haaresbreite an uns vorbei. Fast Mitten in uns hinein. Immer schneller bewegen wir uns von ihm Weg. Drehen uns durch die Wohnung und fliegen durch die Glaskuppel in den Morgenhimmel.
 
      Szene 6 - Früher Morgen

Vor uns die Glaswand der Agentur vom vorigen Tage. Dahinter das näherkommende Schema eines Menschen. Er. Wieder wählt er den Weg nach links. Wieder wird er von der jungen Frau begrüsst. Wie Zeitraffer beobachten wir, wie ihm sein Arbeitsplatz gezeigt wird. Er angewiesen wird, was er tun soll, und was sich wo in dem Büro befindet. Er setzt sich. Betrachtet den leeren Bildschirm seines Computers. Schaltet ihn ein. Wartet. Dann beginnt er nahezu regungslos zu arbeiten. Wie mechanische Prozesse laufen seine Bewegungen ab. Das einzige was wirklich zu leben scheint sind seine Finger und seine Augen. Er arbeitet den ganzen Tag, bis zum Abend. Ohne einmal aufzustehen.
 
      Szene 7 - Früher Morgen (Viele Tage in Zeitraffer)

Es wechselt unser Blick zwischen seiner Hautüre und der mechanischen Arbeit im Büro. Hin und Her. Nahezu unendlich oft. Nichts verändert sich ausser dem Baum neben der Haustüre. Es wird langsam Herbst und Winter. Erste Schneeflocken bedecken den Baum. Wieder verlässt er die Türe. Jedes mal wagen wir uns näher. Bis wir direkt vor ihm herlaufen. Fixiert auf sein Gesicht, dessen Züge sich während der ganzen Zeit nicht verändert haben.
 
      Szene 8 - Früher Abend

Wieder ist ein Tag zuende. Er verlässt das Büro. Steigt wieder in die S-Bahn. Wieder folgen wir ihm. Doch gerade als wir die S-Bahn betreten steigt er an einem anderen Ausgang wieder aus. Wir sind drin und er draussen. Etwas irritiert blickt er in den Wagon während wir mit ihm abfahren. Für einen kurzen Moment blickt er uns wieder direkt an. Wir beginnen gegen die Fahrrichtung zu laufen, immer schneller, bis wir durch den letzten Wagen zurück auf die Strasse gelangen. Wir fliegen durch die Strassenschluchten zurück zur Station. Bis direkt hinter seine Schulter. Heute wählt er den Weg zu Fuss. Obwohl es bitter kalt ist. Wir fühlen eine Regung. Er friert. Zum ersten Mal benutzt er nicht die S-Bahn um nach Hause zu kommen.
Kurz vor seinem zuhause biegt er plötzlich ab. Ohne sich umzublicken steuert er in ein Café. Geht direkt auf einen freien Tisch zu. Setzt sich und sitzt steif an dem Tisch. Seine Augen bewegen sich. Suchen etwas. Als ob er verfolgt würde. Wir blicken unter den Tisch, sehen wie er nervös seine Füsse bewegt und plötzlich nach unten schnellt und in unsere Richtung blickt. Sein Blick ist starr und wirkt ängstlich. Doch er wendet ihn nicht ab. Langsam bewegt sich seine Hand nach vorn. Tastet nach uns. Als sie näher und näher kommt bewegen wir uns zurück. Um so weiter seine Hand vorrückt um so weiter bewegen wir uns zurück. Wir gleiten wieder über den Tisch. Sein Kopf folgt. Blickt immer noch starr gerade aus. Absolute Ruhe. Nichts passiert. alles ist starr. Nicht passiert. Nahezu unerträglich ist die dauer dieses Zustanden. Für einen kurzen Moment blickt er uns genau an. Nur für einen ganz kurzen Moment.
Plötzlich eine Stimme.

KELLNER: Was möchten sie mein Herr?

Er zuckt zusammen. Auch wir erschrecken, obwohl wir nicht erschrecken können. Wir wussten schon vorher, das da jemand ist. Trotzdem sind wir erschrocken. Warum? Er blickt in ein lächelndee Gesicht eines offensichtlich homosexuellen Kellners, der durch seine kajal-vermalten Augen ihn fragen ansieht.

MANN: Ähm… Bier… Pils… Nein… ein Alt… Danke

Der Kellner hat uns die Gelegenheit gegeben uns in eine Ecke des Raumes zurückzuziehen. Wieder blickt er sich um. Doch wohin er blickt, uns sucht, immer schaffen wir es seinen Blicken zu entgehen.
 
      Szene 9 - Nacht

Wir blicken von oben durch die Glaskuppel. Er sitzt wieder an seinem Schreibtisch. Es ist bereits dunkle um uns herum. Sein Raum ist nur von wenigen Lichtern erhellt. Wir beobachten wie seine Bewegunsabläufe vor sich gehen. Wir kennen sie. Nach wie vor mechanisch laufen diese Prozesse in seinem Körper ab. Bis er plötzlich nach oben blickt. Normalerweise schaunt er nie hoch in die Kuppel. Er sucht etwas. Er sucht uns. Doch in dem Moment wo er nach oben blickt stehen wir bereits hinter ihm. Mustern das was auf dem Bildschirm zu sehen ist. Internetseiten, Mails, Daten. Alles scheint für uns ein durcheinander. Für ihn ein wohl gewohnte Ordnung. Er dreht sich plötzlich auf seinem schweren Ledersessel nach Links. Wir uns rechts herum hinter den Rechner. Er dreht sich wieder nach vorne, und beginnt seine Arbeit weiter zu tun. Wir, hinter dem Display, beobachten ihn eine Weil. Bis er plötzlich das Laptop zuklappt, uns unsere Deckung nimmt. Und uns anblickt. Wir flüchten nach hinten, in Richtung Badezimmer, verschwinden hinter der Türe. Er folgt uns. Gerade als er die Türe öffnet, finden wir uns in der Küche wieder.
Langsam schleicht er durch seine Wohnung. Sucht uns, doch er hat uns nicht entdeckt. Doch wir spüren das er weiss das wir da sind. Er hat nur noch nicht die Mittel gefunden uns wirklich zu finden. Langsam bewegen wir uns durch seine Wohnung. Wie ein tanz wirken seine und unsere Bewegungen, die stocken und wieder anheben. Wie nach niemals niedergeschriebenen Regeln. Nachdem er mehrmal die ganze Wohnung durchquert hat, geht er ins Schlafzimmer. Wir folgen ihm kurz, doch bleiben vor dem Schlafzimmer stehen, als ob die Türschwelle für uns heute unüberwindlich wäre.
 
      Szene 10 - Früher Morgen

Wieder verlässt er das Haus. Wieder nimmt er die S-Bahn. Doch er steigt an einer ungewohnten Stelle aus. Vor einer Kunstgallerie. Er geht den langen Weg hoch, direkt auf uns zu. Wir haben hinter einer Plastik Schutz gesucht und sehen wie er an uns vorbeigeht. In die Gallerie hinein.
Wir betrachten einige Bilder. Picasso, Kandinsky, Vasarellie, alles wohlbekannte Werke. Er steht neben uns als wir uns umblicken. Blickt gerade aus auf ein Bild. Als ob wir ihm egal wären. Wir gehen weiter. Zum nächsten, übernächsten, zu vielem weiteren Bildern. Als wir vor einem verharren, steht er plötzlich wieder neben uns. Auf der Anderen Seite ohne uns jemals in dem langem Gang überholt zu haben. Wir laufen schnell weiter. Durch Gänge und Räume, ohne eines der weiteren Bilder zu betrachten. Doch überall ist er. Wohin wir auch gehen. So gross dieses Gebäude ist, er scheint überall dort zu sein wo wir hin wollen. Als ob er ahnen würde wohin wir gehen. Wir springen von Raum zu Raum ohne und bewegen zu müssen. Trotzdem überall ist auch er. Von Sprung zu Sprung fällt es uns schwerer. Bis wir vor dem Eingang stehen und hinausgehen. Draussen blicken wir uns um. Er ist direkt hinter uns gewesen. Die ganze Zeit schon? Zum ersten mal erkennen wir Ausdruck in seinem Gesicht. Er scheint zufrieden, lächelt fast, als er an uns vorbeigeht.
 
      Szene 11 - Früher Morgen

Wir warten wie jeden morgen vor seiner Türe. Doch nichts passiert. Wir warten aber es kommt nicht. Bis erplötzlich direkt vor uns tritt, uns ansieht. Wir laufen weg. Zur Haltestelle. Doch als wir dort ankommen steht er schon da. Den Blick nicht gesenkt. Den Blick auf uns gewandt als ob er uns erwartet hätte. Stille. Starre Blicke. Keine Bewegung. Als die S-Bahn kommt steigen wir schnell ein. Er bleibt stehen. Blickt uns nach wie wir abfahren.
 
      Szene 12 - Nacht

Wir streifen durch seine Wohnung. Alles ist Dunkel. Wir erreichen sein Schlafzimmer finden ihn in seinem Bett. Er liegt ruhig und schläft tief. Langsam umkreisen wir sein Bett. Beobachten ihn. Immer kleiner werden unsere Kreise. Also wir gerade fast über die Decke streifen die seine Beine berühren, schreckt er hoch, wie er es schon einmal getan hat. Blickt uns an. Blickt uns an als ob er nur darauf gewartet hätte das wir kommen. Wir weichen zurück. Bei ihm keine Spur von Angst oder erstaunen. Wir stossen gegen den Fernseher, der hinter dem Bettb steht. Schrecken auf, drehen uns schnell um. Unkoordiniert fahren wir umher. Finden uns an der Seite seines Bettes wieder. Seine Augen sind uns die ganze Zeit gefolgt. Eine Hand hebt sich unter der Decke. Bewegt sich in unsere Richtung. Winkt uns heran. Vorsichtig folgen wir dieser Weisung. Er öffnet die Bettdecke als ob er uns dort hinein einladen will. Nocheinmal schrecken wir zurück. Doch nach kurzem zögern, begegen wir uns unter die Dunkelheit der Decke. Schlafen ein…
 
      Szene 13 - Später Abend
Wir steigen aus der S-Bahn. Er steigt aus dem danebenliegenden Ausgang. Kurz blicken wir uns an. Gehen weiter. Die Treppen hinunter zu einem modernen runden Gebäude. Ein Kino. Einmal folgen wir ihm, einmal folgt er uns. Wir gehen gemeinsam den Weg dorthin. Betreten das Gebäude. Folgen dem Gang durch grelles blaues Licht. Zur Kasse. In dem kleinen Glaskasten sitzt ein pickeliger Student, der mit einer widerwärtigen Stimme fragt:

STUDENT/VERKÄUFER: Was darfs sein? Schönen Abend erst mal.

MANN: Zwei Karten, Kino 5.

Prüfend blicken wir nach oben. Die Tafel über dem Glaskasten verkündet: 'Sondervorstellung - Metropolis‘. Er nimmt die Karten. Kurz treffen sich unsere Blicke. Mit einem minimalsten Lächeln wendet er sich ab. Geht voraus. Wieder den Gang zurück. zu den Verkaufsständen. Er kauft Popkorn, die Familienpackung. Und eine riesige Cola. schwer bepackt läuft er weiter. Wir neben ihm. Bis zum Eingang des Kinos. Der Kontrolleur kuckt ihn verdutzt an als er zwei Karten hinhält. Der Kontroleur blickt ihn fragend an. Er nickt nur. Der Verkäufer reisst die Karten ab, kopfschütteln als wir weitergehen. Er öffnet die Türe zum Kinosaal, geht hinein, wir bleiben draussen stehen. Langsam schliesst sich die Türe.

PAUSE…
 
      Szene 14

Er sitzt im Kino. Auf dem zentralsten Platz. Es ist Still. Totenstill. Niemand ist in dem Kino. Er ist alleine. Wir blicken aus der Richtung der Leinwand auf ihn. Sehen den ganzen Raum. Er ist leer. Er zieht an dem Strohhalm der Cola. Isst langsam Popcorn. Langsam wird unser Blick enger. Der Raum wird kleiner. Seine Miene unverändert kühl, oder haben wir ihn da kurz lächeln sehen. Nein, oder doch? Der Raum wir immer kleiner. Reihe für Reihe, der leeren Sitzplätze verschwindet aus unserem Blickfeld. Wir kommen ihm immer näher, aber nur sehr langsam. Wieder ein kurzes zucken seiner Mundwinkel. Doch ein lächeln? Er blickt starr gerade aus auf die Leinwand. Auf uns. Langsam beginnen sich seine Gesichtszüge zu lockern. Er zieht öfters und stärker an dem Stromhalm. Beginnt mehr des Popcorns in sich hinein zustopfen. Immer weiter wird unser Blick eingeengt, immer mit dem Blick auf ihn. Nahezu unbewegt kommen wir ihm immer näher. Wir spüren die Bewegung kaum. Doch er wird in unserem Blickfeld immer grösser. Er lächelt. Er lächelt wirklich! Schlingt das Popcorn und vertilgt die Cola. Sein lächeln wird breiter um so näher wir im kommen. Das Popcorn gleitet durch seine Hände, fällt teilweise auf seinen Pulli. Wir sind ihm sehr nahe. Nach wie vor blickt er gerade aus, direkt in unsere Augen. Wir sehen sein Gesicht, jede Falte jedes Haar. Sein Mund verzieht sich. Kurz schliesst er die Augen. Wir sind direkt vor seinem Gesicht. Als er plötzlich anfängt schallend zu lachen. Er bricht in ein hysterisches Gelächter aus und wir direkt vor seinem Gesicht. Wie gebannt, nicht in der Lage uns weg zu bewegen.
Plötzlich, schlagartig endt sein lachen. Doch er lächelt uns noch an. Doch es wirkt verächtlich, überlegen, sieges-artig und überzeugt. Wir schliessen langsam unsere Augen und hören noch die ersten Töne des Filmes Metropolis…
 
     

Andreas Ingerl - 7. Oktober 2003
Überarbeitung - 12. - 16. Oktober 2003

 

 
      © Andreas Ingerl 2003  
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