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  Kapitel 4
Diplomarbeit "Schöne neue Medienwelt"
Andreas Ingerl
Stand: 16. Dezember 2004
 
     

Schöne Neue Medienwelt

 
       
     

Kapitel 4


Epilog


4. Epilog

"Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor;" 1
Dieser Satz ist als Fazit nur bedingt für diese Arbeit gültig. Es wäre sehr vermessen zu behaupten nur so klug als wie zuvor zu sein. Aber nicht aus diesem Grunde habe ich diesen Satz zitiert. Er symbolisiert meine Machtlosigkeit dem Medien gegenüber. Die Hinlänglichkeit und Fehlerhaftigkeit meines Gedächtnisses. Die Unfähigkeit die Medien die ich konsumiere wirklich zu verarbeiten.


Es gibt ein konkretes Ereignis das mich dazu bringt diesen Satz zu zitieren. Ein Ereignis das fast unmittelbar mit dem Thema PIA zusammenhängt. Ich sass vor wenigen Tagen im Auto und hörte wie eigentlich immer SWR 2. Es kam ein Wortbeitrag der ungefähr so begann: "Am Anfang war das Wort…" und es folgte darauf ein Monolog ob es wirklich ein Wort war das am Anfang stand, was das Wort überhaupt bedeutet oder was das Wort eigentlich ist. Ein Monolog der sehr gut zu einer zentralen These dieser Arbeit passen würde. Ist das Wort oder der Text wirklich das Zentrum menschlicher Kommunikation? Leider versagt dann mein Gedächtnis. Ich weiss das diese Textstelle aus Goethes Faust stammt und ich glaube das sie von der Figur Faust gesprochen wird. Leider werden weitere Informationen bröckelig. Wann ich das genau gehört habe und in welcher Radiosendung entzieht sich meinem Wissen. Vor mir liegt die Reclam-Ausgabe des Faust. Aber trotz mehrmaligem querlesen habe ich diese Stelle, die ich suche, nicht gefunden. Weder mein Mitbewohner noch eine Recherche im Internet haben mich diese Textstelle finden lassen. Mit stumpfen Werkzeugen kämpfe ich gegen mein Gedächtnis und meine Machtlosigkeit diese Stelle zu finden.


O Wunder! Was gibt es für herrliche Funktionen hier! Wie schön der PIA ist! Schöne neue Medienwelt, die solche Möglichkeiten eröffnet. So könnte das Zitat von William Shakespeare zu Beginn von Kapitel 1.1 lauten, wenn ich es auf die schöne neue Medienwelt übertrage. Ob ein PIA Schönheit besitzen wird, wie der Poet sie auf die Welt angewendet hat, weiss ich nicht. Doch aber das die schöne neue Medienwelt mir neue Möglichkeiten eröffnen könnte gegen das Vergessen anzukämpfen. Die schöne neue Medienwelt wird keine der alten Medien verdrängen, sondern sie wird einen Überbau darstellen. Im sozialistischen Sinne werden die Medien die Produktivkraft sein, der PIA der Überbau. Der PIA wird über allem stehen und wäre doch ohne die Produktivkraft der Medien völlig nutzlos. Der PIA ist nicht in der Lage Informationen zu generieren. Er kann vorhandene Informationen lediglich sammeln, sortieren und personalisieren.


Aber zurück zu meinem Beispiel. Die Information die ich durch die Radiosendung aufgenommen haben ist verloren. Zumindest nur noch lückenhaft vorhanden. Dies macht es mir sehr schwer diese Textstelle in einem anderen Medien, dem Buch, wiederzufinden. Hätte ich an meinem Radio einen PIA-Knopf gehabt, der meinen PIA anweisst sich die Stelle, den Tag, die Stunde, die Sendung zu merken, wäre ich einen Schritt weiter. Im besten Falle, was möglich wäre, hätte meine PIA von der SWR 2 Webseite die betreffen Sendung als Textdatei beschafft. Oder wenigstens hätte ich die Möglichkeit gehabt die Sendung direkt mitzuschneiden und den Mitschnitt an meinen PIA zu übertragen. Ob dieser mir dann nur anbietet die entstanden Ton-Datei abzuspielen oder sie direkt in Text umgewandelt hätte wäre grundlegegend nicht wichtig. Aber ich wäre in der Lage mehr Informationen zu besitzen als ich sie jetzt habe. Mein Gedächtnis wäre durch einen Knopfdruck erweitert worden und bestenfalls würde zuhause eine Auswertung dieses Knopfdrucks auf dem PIA auf mich warten. Wie auch immer diese Auswertung aussehen mag.


In jedem Falle würde ich über mehr Informationen verfügen. Ob ich dadurch aber wirklich schlauer wäre ist nicht zu sagen oder liegt an mir selbst was ich aus diesen erweiterten Informationen, gemessen an meinem Gedächtnis, machen würde. Wir sind erneut beim Eröffnungszitat dieses Kapitels angekommen. "Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor;" Ich werde immer en Tor bleiben, wenn ich mich nicht selbst aus der Torheit erhebe. Nichts wird mir als Selbstverständnis vor die Füsse fallen. Es wird immer Schweiss und Arbeit kosten kein Tor mehr zu sein. Auch ein PIA wird nichts für mich tun oder mich weiser machen. Aber es wird ein Mittel sein, der Flüchtigkeit von Informationen und Medien zumindest ein wenige zu entgehen.


Wir sehen uns heute fest komponierten Medien und Informationen gegenüber. Zielgruppendefinitionen die mich ein- oder ausschliessen. Meine Persönlichkeit, meine Individualität spielt dabei kaum eine Rolle. Das ist meine grösste Kritik an unserem heutigen Mediensystem. Das Individuum Mensch spielt dabei kaum eine Rolle. Doch ist sie das höchste Gut das wir besitzen. Das denken unterscheidet uns vom Tier. Unsere Individualität von anderen Menschen.


Individualismus ist die: "Denk- und Verhaltensweise bzw. Lehre, die das menschliche Individuum in den Mittelpunkt stellt, die Vorrangigkeit seiner Interessen, Rechte und Bedürfnisse hervorhebt und sie denen der Gesellschaft entgegensetzt." 2 So könnte das Credo dieser Arbeit lauten. Es geht nicht darum das was heute ist abzuschaffen, es zu unterwandern oder zu zerstören. Ganz im Gegenteil. Es geht darum dem Mensch ein Werkzeug an die Hand zu geben, das ihn dem heutigen Medienapparat entgegensetzt. Es geht darum dem was der Individualismus fordert Rechnung zu tragen. Medien sind heute informationsbeschaffende Organe die für einen mehr oder weniger bekannten Nutzer kommunizieren. Zumindest gilt das für Massenmedien. In diesem nicht individuellen Medienangebot meine Person repräsentiert zu sehen ist heute fast ausschliesslich meinem Gedächtnis überlassen. Auch wenn ich das Skript einer Radiosendung heute in Händen halte, kann ich morgen vergessen habe das es existiert oder wo es existiert. Papier ist in diesem Sinne geduldig. Eine Tageszeitung wird irgendwann in der Altpapiersammlung landen, in den Recycling-Zyklus zurückgeführt und irgendwann halte ich sie wieder in Händen nur mit anderem Inhalt. Der Mensch lebt in erster Linie von seinem Gedächtnis. Auch von seinem Gedächtnis gespeicherte Informationen wiederzufinden.


Massenmedien sind nicht an ein Individuum gerichtet, sondern an ein disperses Publikum. Von einem persönlichen Gespräch ist nur das übrig was mein Gedächtnis gespeichert hat. Und mein Gedächtnis ist ein Wahrheitsgenerator. Ein Gespräche zwischen zwei Personen kann zwei unterschiedliche Interpretationen besitzen und das gesagte wird irgendwann zur persönlichen Wahrheit. Egal ob die Interpretationen und die Fetzen die mein Gedächtnis speichert der subjektiven Wahrheit entsprechen oder nicht. Es wird meine Wahrheit sein.
Wahrheit werden wir nicht schaffen können. Besser noch nicht schaffen wollen. Den diese hängt von Individuum ab und darf diesem nicht genommen werden. Aber der PIA kann ein Helfer sein. Ein Diener und Assistent der Dinge vor dem vergessen bewahrt und gleichzeitig eine Erweiterung unseres Gedächtnis darstellt. Ein individuelles und persönliches Gedächtnis. Mein Gedächtnis. Aber dieser PIA wird keinerlei Intelligenz besitzen. Er wird nichts tun was wir nicht tun könnten. Die Fähigkeiten eines PIA hängen ausschliesslich an der Fähigkeiten des Nutzers. Der Erschaffer eines PIA hat nur dafür zu Sorgen das der Nutzer niemals an die Grenzen des PIA stösst. Ein offenes, nicht statisch komponiertes System wie wir es heute kennen. Aber auch ein hohes Ziel, dessen Erreichen fraglich ist.


Bin ich nun der arme Tor der so klug ist als wie zuvor? Ehrlich gesagt eine durchaus schwierig zu beantwortende Frage. Nein sicher nicht, den auf dem Weg zu dieser Arbeit, waren stets meine persönlichen Erfahrungen und mein Wissen Basis dessen was hier erarbeitet wurde. Die Personalisierung von Inhalten und Medien war schon immer ein Thema meiner Arbeit. Es stellt also kein neues Thema in meinem denken dar. Und doch hatte ich gehofft mehr Fragen beantworten zu können als sich neue Fragen aufwerfen. Ob das gelungen ist wage ich im Moment zu bezweifeln. Aber wahrscheinlich stellt das den natürlichen Prozess dar an einem solchen Thema zu arbeiten. Den diesen Thema geht nicht nur weit über das heute Mögliche, sondern auch weit über das heute denkbare hinaus. Aber kein Grund dieses Thema nicht trotzdem zu bearbeiten.


Ein guter Freund, Wissenschaftler, Anthroposoph und Goetheaner, hat mir einst gesagt: "Die Kunst eines Wissenschaftlers ist es eine einfach Frage zu stellen. Diese über tausend Wege zu bearbeiten und dabei tausend weitere Fragen aufzuwerfen. Am Ende aber eine einfache Antwort darauf geben zu können." 3 Ich glaube nicht dieses Ziel erreicht zu haben. Noch nicht.


Alleine der Aspekt eine Sprache zwischen PIA und Nutzer entwickeln zu können oder gar zu müssen, stellt einen fast unübersehbaren Aufwand an Analysen, Auswertungen und schliesslich der Entwicklung dieser Sprache voraus. Ein einzelner Aspekt dieser Arbeit der ebenso eine allein stehende Arbeit sein könnte. Aber das war auch nicht Ziel dieser Arbeit.


Selbst wenn sich herausstellen sollte, das alles was ich in dieser Arbeit gefordert habe nicht möglich ist. So sollte sich zumindest eine Forderung im Gedächtnis der Medienschaffenden einbrennen. Nicht das Medium selbst, nicht das Image eines Konzerns, nicht die Reputation als Autor ist der entscheidende Faktor. Sondern der Nutzer, der einzigartige Mensch. Er steht im Zentrum jeglichem Schaffens oder zumindest sollte er das. Wenn der Nutzer zufrieden ist und mit zufriedenen Informationen konfrontiert ist, wird sich das was vorher genannt wurde fast automatisch einstellen. Der Autor wird Reputation erhalten, der Konzern ein Image und das Medium letztendlich seinen Sinn. So wie eine PIA nichts aus Selbstzweck tun wird, sollte auch ein Medium oder der Medienschaffende nichts aus Selbstzweck tun. Wobei aber jeder Schritt zum Nutzer hin, zur Personalisierung, zur Individualisierung ein Schritt in die richtige Richtung ist. Sei er noch so klein.

Einen Kritikpunkt an dieser Arbeit will ich an dieser Stelle gleich vorwegnehmen. Wenn man diese Arbeit liest fällt auf der sehr viele Superlative verwendet wurden. Mehrfach liest man: "Im Zentrum der Einwicklung eines PIA muss stehen…" oder "Einer der Grundlagen dafür ist…" und das alles bei teilweise grundverschiedenen Themen. Vieles von dem Angesprochenen hat eine grosse Bedeutung für die Entwicklung eines PIA. Es gibt viele Themenfelder die gleich Bedeutend sind oder sich gegenseitig bedingen. Das Thema hat sich während der Bearbeitung mehr und mehr in viele Einzelfragen und Einzelthemen aufgesplittert, deren Beantwortung teilweise offen bleiben. Sie bleiben offen weil sie entweder eine Randerscheinung darstellen, im idealen Falle, oder weil ihre Beantwortung den Rahmen dieser Arbeit bei weitem gesprengt hätte, im schlechten Falle.


Diese Arbeit beantwortet nicht alle Fragen die ich mir selbst gestellt hatte, doch aber stellt sie einen Status Quo der Entwicklung solcher Systeme dar. Sowohl der gedanklichen Entwicklung bei mir selbst, als auch die technischen Entwicklungen die um mich herum stattfinden. Diese Arbeit stellt eine Bestandsaufnahme dessen dar was Stand der Dinge ist. Darüber hinaus eine Utopie was irgendwann Stand der Dinge sein sollte oder könnte. Eine Utopie der wir so fern sind wie einst Aldous Huxley seiner "Schönen neuen Welt". Und doch sehen wir uns heute einigen Szenarien gegenüber die Huxley vor über 70 Jahren skizziert hatte. Vielleicht wünschen wir uns auch auf das eine oder andere dieser Szenarien oder dieser Vorgänge früher eingegriffen zu haben. Sie mitgeprägt oder verändert zu haben. Heute sind wir mit einer Realität konfrontiert, deren Entstehung sich nicht mehr verändern lässt. Deswegen ist es richtig schon frühzeitig über mögliche Entwicklungen nachzudenken. Sie zu prägen und einzugreifen. Nicht darauf warten das es jemand tut, sondern es selbst zu tun. Den ebenso wie utopisches zeigt diese Arbeit auch reales, das heute schon existiert und den Weg zu einem PIA vorbereitet. Wir besitzen schon Personalisierungs-Mechanismen, haben sie vielleicht immer besessen. Doch heute sind wir aufgefordert diese Mechanismen auf eine neues Medium, auf eine neue Technologie anzuwenden. Die der neuen, elektronischen, vernetzten, ungegenständlichen, digitalen oder virtuellen Medien, oder wie man sie auch immer bezeichnen will.


Die letztendliche Bewertung dieser Arbeit obliegt nun meinen Prüfern. Obwohl sie nun ein in Sich abgeschlossenes Werk darstellt ist sie doch nur ein weiterer Schritt. Ein Schritt zu einem übergeordneten Werk. Etwas das vor längerer Zeit begann und voraussichtlich nicht so schnell enden wird. Diese Arbeit fordert geradezu die weitere Beschäftigung mit diesem Thema. Offene Fragen zu beantworten und sicher auch noch weitere aufzuwerfen. Sicher auch die Thesen und Ideen in der Realität an konkreten Modellen zu untersuchen. Viele weitere Schritte die folgen können oder werden. Es ist die Frage nach der Gelegenheit das Niedergeschriebene entweder zu Datenmüll verkommen zu lassen oder daran weiter zu arbeiten.


"Jedes Individuum besitzt seine nur ihn auszeichnenden Merkmale, seine individuelle Denk- und Verhaltensweise. Der Reichtum seines geistigen, kulturellen und sittlichen Lebens, kurz: seine Individualität, ist nur als Einheit einzelner, besonderer und allgemeiner gesellschaftlicher Merkmale und Eigenschaften zu verstehen. Das einzelne Individuum ist stets Angehöriger einer bestimmten Gesellschaft und in dieser einer bestimmten Klasse. Seine ihn auszeichnende Individualität wird wesentlich durch seine objektive soziale Lage, durch die materielle und ideologische Situation der gegebenen Gesellschaft bestimmt und findet dort auch ihre gesellschaftliche und sittliche Bewährung." 4


Keine Individualität ohne Gesellschaft. Keine Gesellschaft ohne Individuen. Kein PIA ohne die Medienlandschaft. Aber keine Medienlandschaft mehr ohne PIAs. Das ist letztendlich die Forderung die ich stelle. So wie Individualitäten eine Gesellschaft letztendlich definieren und diese wiederum die Individuen, so muss auch ein PIA die Medienlandschaft beeinflussen und diese wiederum die Entwicklung eines PIA unterstützen. Die Gesellschaft dient als Quelle für Individualität, so wie die Medienlandschaft die Quelle eines PIA darstellt. Ein PIA wird die Medienlandschaft nicht abschaffen oder in ihrer Grundstruktur verändern. Er wird aber Forderungen an sie stellen um existieren zu können.


"Oh schöne neue Medienwelt…"


Tübingen 2004


Gewidmet Prof. Ralf Dringenberg, dem Urvater dieser Gedanken.

 

 

Fussnoten:
1) Goethe, Johann Wolfgang, Faust, Der Tragödie erster Teil, Stuttgart 1986, Seite 13
2) Klaus, Georg und Buhr, Manfred, Philosophisches Wörterbuch, Leipzig 1966, Seite 255
3) Hachenai, Wilfried
4) Klaus, Georg und Buhr, Manfred, Philosophisches Wörterbuch, Leipzig 1966, Seite 256

 
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