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Kapitel 4
Epilog
4. Epilog
"Da steh ich
nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor;" 1
Dieser Satz ist als Fazit nur bedingt für diese Arbeit gültig.
Es wäre sehr vermessen zu behaupten nur so klug als wie zuvor zu
sein. Aber nicht aus diesem Grunde habe ich diesen Satz zitiert. Er symbolisiert
meine Machtlosigkeit dem Medien gegenüber. Die Hinlänglichkeit
und Fehlerhaftigkeit meines Gedächtnisses. Die Unfähigkeit die
Medien die ich konsumiere wirklich zu verarbeiten.
Es gibt ein konkretes Ereignis das mich dazu bringt diesen Satz zu zitieren.
Ein Ereignis das fast unmittelbar mit dem Thema PIA zusammenhängt.
Ich sass vor wenigen Tagen im Auto und hörte wie eigentlich immer
SWR 2. Es kam ein Wortbeitrag der ungefähr so begann: "Am Anfang
war das Wort…" und es folgte darauf ein Monolog ob es wirklich
ein Wort war das am Anfang stand, was das Wort überhaupt bedeutet
oder was das Wort eigentlich ist. Ein Monolog der sehr gut zu einer zentralen
These dieser Arbeit passen würde. Ist das Wort oder der Text wirklich
das Zentrum menschlicher Kommunikation? Leider versagt dann mein Gedächtnis.
Ich weiss das diese Textstelle aus Goethes Faust stammt und ich glaube
das sie von der Figur Faust gesprochen wird. Leider werden weitere Informationen
bröckelig. Wann ich das genau gehört habe und in welcher Radiosendung
entzieht sich meinem Wissen. Vor mir liegt die Reclam-Ausgabe des Faust.
Aber trotz mehrmaligem querlesen habe ich diese Stelle, die ich suche,
nicht gefunden. Weder mein Mitbewohner noch eine Recherche im Internet
haben mich diese Textstelle finden lassen. Mit stumpfen Werkzeugen kämpfe
ich gegen mein Gedächtnis und meine Machtlosigkeit diese Stelle zu
finden.
O Wunder! Was gibt es für herrliche Funktionen hier! Wie schön
der PIA ist! Schöne neue Medienwelt, die solche Möglichkeiten
eröffnet. So könnte das Zitat von William Shakespeare zu Beginn
von Kapitel 1.1 lauten, wenn ich es auf die schöne neue Medienwelt
übertrage. Ob ein PIA Schönheit besitzen wird, wie der Poet
sie auf die Welt angewendet hat, weiss ich nicht. Doch aber das die schöne
neue Medienwelt mir neue Möglichkeiten eröffnen könnte
gegen das Vergessen anzukämpfen. Die schöne neue Medienwelt
wird keine der alten Medien verdrängen, sondern sie wird einen Überbau
darstellen. Im sozialistischen Sinne werden die Medien die Produktivkraft
sein, der PIA der Überbau. Der PIA wird über allem stehen und
wäre doch ohne die Produktivkraft der Medien völlig nutzlos.
Der PIA ist nicht in der Lage Informationen zu generieren. Er kann vorhandene
Informationen lediglich sammeln, sortieren und personalisieren.
Aber zurück zu meinem Beispiel. Die Information die ich durch die
Radiosendung aufgenommen haben ist verloren. Zumindest nur noch lückenhaft
vorhanden. Dies macht es mir sehr schwer diese Textstelle in einem anderen
Medien, dem Buch, wiederzufinden. Hätte ich an meinem Radio einen
PIA-Knopf gehabt, der meinen PIA anweisst sich die Stelle, den Tag, die
Stunde, die Sendung zu merken, wäre ich einen Schritt weiter. Im
besten Falle, was möglich wäre, hätte meine PIA von der
SWR 2 Webseite die betreffen Sendung als Textdatei beschafft. Oder wenigstens
hätte ich die Möglichkeit gehabt die Sendung direkt mitzuschneiden
und den Mitschnitt an meinen PIA zu übertragen. Ob dieser mir dann
nur anbietet die entstanden Ton-Datei abzuspielen oder sie direkt in Text
umgewandelt hätte wäre grundlegegend nicht wichtig. Aber ich
wäre in der Lage mehr Informationen zu besitzen als ich sie jetzt
habe. Mein Gedächtnis wäre durch einen Knopfdruck erweitert
worden und bestenfalls würde zuhause eine Auswertung dieses Knopfdrucks
auf dem PIA auf mich warten. Wie auch immer diese Auswertung aussehen
mag.
In jedem Falle würde ich über mehr Informationen verfügen.
Ob ich dadurch aber wirklich schlauer wäre ist nicht zu sagen oder
liegt an mir selbst was ich aus diesen erweiterten Informationen, gemessen
an meinem Gedächtnis, machen würde. Wir sind erneut beim Eröffnungszitat
dieses Kapitels angekommen. "Da steh ich nun, ich armer Tor! Und
bin so klug als wie zuvor;" Ich werde immer en Tor bleiben, wenn
ich mich nicht selbst aus der Torheit erhebe. Nichts wird mir als Selbstverständnis
vor die Füsse fallen. Es wird immer Schweiss und Arbeit kosten kein
Tor mehr zu sein. Auch ein PIA wird nichts für mich tun oder mich
weiser machen. Aber es wird ein Mittel sein, der Flüchtigkeit von
Informationen und Medien zumindest ein wenige zu entgehen.
Wir sehen uns heute fest komponierten Medien und Informationen gegenüber.
Zielgruppendefinitionen die mich ein- oder ausschliessen. Meine Persönlichkeit,
meine Individualität spielt dabei kaum eine Rolle. Das ist meine
grösste Kritik an unserem heutigen Mediensystem. Das Individuum Mensch
spielt dabei kaum eine Rolle. Doch ist sie das höchste Gut das wir
besitzen. Das denken unterscheidet uns vom Tier. Unsere Individualität
von anderen Menschen.
Individualismus ist die: "Denk- und Verhaltensweise bzw. Lehre, die
das menschliche Individuum in den Mittelpunkt stellt, die Vorrangigkeit
seiner Interessen, Rechte und Bedürfnisse hervorhebt und sie denen
der Gesellschaft entgegensetzt." 2 So könnte das Credo dieser
Arbeit lauten. Es geht nicht darum das was heute ist abzuschaffen, es
zu unterwandern oder zu zerstören. Ganz im Gegenteil. Es geht darum
dem Mensch ein Werkzeug an die Hand zu geben, das ihn dem heutigen Medienapparat
entgegensetzt. Es geht darum dem was der Individualismus fordert Rechnung
zu tragen. Medien sind heute informationsbeschaffende Organe die für
einen mehr oder weniger bekannten Nutzer kommunizieren. Zumindest gilt
das für Massenmedien. In diesem nicht individuellen Medienangebot
meine Person repräsentiert zu sehen ist heute fast ausschliesslich
meinem Gedächtnis überlassen. Auch wenn ich das Skript einer
Radiosendung heute in Händen halte, kann ich morgen vergessen habe
das es existiert oder wo es existiert. Papier ist in diesem Sinne geduldig.
Eine Tageszeitung wird irgendwann in der Altpapiersammlung landen, in
den Recycling-Zyklus zurückgeführt und irgendwann halte ich
sie wieder in Händen nur mit anderem Inhalt. Der Mensch lebt in erster
Linie von seinem Gedächtnis. Auch von seinem Gedächtnis gespeicherte
Informationen wiederzufinden.
Massenmedien sind nicht an ein Individuum gerichtet, sondern an ein disperses
Publikum. Von einem persönlichen Gespräch ist nur das übrig
was mein Gedächtnis gespeichert hat. Und mein Gedächtnis ist
ein Wahrheitsgenerator. Ein Gespräche zwischen zwei Personen kann
zwei unterschiedliche Interpretationen besitzen und das gesagte wird irgendwann
zur persönlichen Wahrheit. Egal ob die Interpretationen und die Fetzen
die mein Gedächtnis speichert der subjektiven Wahrheit entsprechen
oder nicht. Es wird meine Wahrheit sein.
Wahrheit werden wir nicht schaffen können. Besser noch nicht schaffen
wollen. Den diese hängt von Individuum ab und darf diesem nicht genommen
werden. Aber der PIA kann ein Helfer sein. Ein Diener und Assistent der
Dinge vor dem vergessen bewahrt und gleichzeitig eine Erweiterung unseres
Gedächtnis darstellt. Ein individuelles und persönliches Gedächtnis.
Mein Gedächtnis. Aber dieser PIA wird keinerlei Intelligenz besitzen.
Er wird nichts tun was wir nicht tun könnten. Die Fähigkeiten
eines PIA hängen ausschliesslich an der Fähigkeiten des Nutzers.
Der Erschaffer eines PIA hat nur dafür zu Sorgen das der Nutzer niemals
an die Grenzen des PIA stösst. Ein offenes, nicht statisch komponiertes
System wie wir es heute kennen. Aber auch ein hohes Ziel, dessen Erreichen
fraglich ist.
Bin ich nun der arme Tor der so klug ist als wie zuvor? Ehrlich gesagt
eine durchaus schwierig zu beantwortende Frage. Nein sicher nicht, den
auf dem Weg zu dieser Arbeit, waren stets meine persönlichen Erfahrungen
und mein Wissen Basis dessen was hier erarbeitet wurde. Die Personalisierung
von Inhalten und Medien war schon immer ein Thema meiner Arbeit. Es stellt
also kein neues Thema in meinem denken dar. Und doch hatte ich gehofft
mehr Fragen beantworten zu können als sich neue Fragen aufwerfen.
Ob das gelungen ist wage ich im Moment zu bezweifeln. Aber wahrscheinlich
stellt das den natürlichen Prozess dar an einem solchen Thema zu
arbeiten. Den diesen Thema geht nicht nur weit über das heute Mögliche,
sondern auch weit über das heute denkbare hinaus. Aber kein Grund
dieses Thema nicht trotzdem zu bearbeiten.
Ein guter Freund, Wissenschaftler, Anthroposoph und Goetheaner, hat mir
einst gesagt: "Die Kunst eines Wissenschaftlers ist es eine einfach
Frage zu stellen. Diese über tausend Wege zu bearbeiten und dabei
tausend weitere Fragen aufzuwerfen. Am Ende aber eine einfache Antwort
darauf geben zu können." 3 Ich glaube nicht dieses Ziel erreicht
zu haben. Noch nicht.
Alleine der Aspekt eine Sprache zwischen PIA und Nutzer entwickeln zu
können oder gar zu müssen, stellt einen fast unübersehbaren
Aufwand an Analysen, Auswertungen und schliesslich der Entwicklung dieser
Sprache voraus. Ein einzelner Aspekt dieser Arbeit der ebenso eine allein
stehende Arbeit sein könnte. Aber das war auch nicht Ziel dieser
Arbeit.
Selbst wenn sich herausstellen sollte, das alles was ich in dieser Arbeit
gefordert habe nicht möglich ist. So sollte sich zumindest eine Forderung
im Gedächtnis der Medienschaffenden einbrennen. Nicht das Medium
selbst, nicht das Image eines Konzerns, nicht die Reputation als Autor
ist der entscheidende Faktor. Sondern der Nutzer, der einzigartige Mensch.
Er steht im Zentrum jeglichem Schaffens oder zumindest sollte er das.
Wenn der Nutzer zufrieden ist und mit zufriedenen Informationen konfrontiert
ist, wird sich das was vorher genannt wurde fast automatisch einstellen.
Der Autor wird Reputation erhalten, der Konzern ein Image und das Medium
letztendlich seinen Sinn. So wie eine PIA nichts aus Selbstzweck tun wird,
sollte auch ein Medium oder der Medienschaffende nichts aus Selbstzweck
tun. Wobei aber jeder Schritt zum Nutzer hin, zur Personalisierung, zur
Individualisierung ein Schritt in die richtige Richtung ist. Sei er noch
so klein.
Einen Kritikpunkt
an dieser Arbeit will ich an dieser Stelle gleich vorwegnehmen. Wenn man
diese Arbeit liest fällt auf der sehr viele Superlative verwendet
wurden. Mehrfach liest man: "Im Zentrum der Einwicklung eines PIA
muss stehen…" oder "Einer der Grundlagen dafür ist…"
und das alles bei teilweise grundverschiedenen Themen. Vieles von dem
Angesprochenen hat eine grosse Bedeutung für die Entwicklung eines
PIA. Es gibt viele Themenfelder die gleich Bedeutend sind oder sich gegenseitig
bedingen. Das Thema hat sich während der Bearbeitung mehr und mehr
in viele Einzelfragen und Einzelthemen aufgesplittert, deren Beantwortung
teilweise offen bleiben. Sie bleiben offen weil sie entweder eine Randerscheinung
darstellen, im idealen Falle, oder weil ihre Beantwortung den Rahmen dieser
Arbeit bei weitem gesprengt hätte, im schlechten Falle.
Diese Arbeit beantwortet nicht alle Fragen die ich mir selbst gestellt
hatte, doch aber stellt sie einen Status Quo der Entwicklung solcher Systeme
dar. Sowohl der gedanklichen Entwicklung bei mir selbst, als auch die
technischen Entwicklungen die um mich herum stattfinden. Diese Arbeit
stellt eine Bestandsaufnahme dessen dar was Stand der Dinge ist. Darüber
hinaus eine Utopie was irgendwann Stand der Dinge sein sollte oder könnte.
Eine Utopie der wir so fern sind wie einst Aldous Huxley seiner "Schönen
neuen Welt". Und doch sehen wir uns heute einigen Szenarien gegenüber
die Huxley vor über 70 Jahren skizziert hatte. Vielleicht wünschen
wir uns auch auf das eine oder andere dieser Szenarien oder dieser Vorgänge
früher eingegriffen zu haben. Sie mitgeprägt oder verändert
zu haben. Heute sind wir mit einer Realität konfrontiert, deren Entstehung
sich nicht mehr verändern lässt. Deswegen ist es richtig schon
frühzeitig über mögliche Entwicklungen nachzudenken. Sie
zu prägen und einzugreifen. Nicht darauf warten das es jemand tut,
sondern es selbst zu tun. Den ebenso wie utopisches zeigt diese Arbeit
auch reales, das heute schon existiert und den Weg zu einem PIA vorbereitet.
Wir besitzen schon Personalisierungs-Mechanismen, haben sie vielleicht
immer besessen. Doch heute sind wir aufgefordert diese Mechanismen auf
eine neues Medium, auf eine neue Technologie anzuwenden. Die der neuen,
elektronischen, vernetzten, ungegenständlichen, digitalen oder virtuellen
Medien, oder wie man sie auch immer bezeichnen will.
Die letztendliche Bewertung dieser Arbeit obliegt nun meinen Prüfern.
Obwohl sie nun ein in Sich abgeschlossenes Werk darstellt ist sie doch
nur ein weiterer Schritt. Ein Schritt zu einem übergeordneten Werk.
Etwas das vor längerer Zeit begann und voraussichtlich nicht so schnell
enden wird. Diese Arbeit fordert geradezu die weitere Beschäftigung
mit diesem Thema. Offene Fragen zu beantworten und sicher auch noch weitere
aufzuwerfen. Sicher auch die Thesen und Ideen in der Realität an
konkreten Modellen zu untersuchen. Viele weitere Schritte die folgen können
oder werden. Es ist die Frage nach der Gelegenheit das Niedergeschriebene
entweder zu Datenmüll verkommen zu lassen oder daran weiter zu arbeiten.
"Jedes Individuum besitzt seine nur ihn auszeichnenden Merkmale,
seine individuelle Denk- und Verhaltensweise. Der Reichtum seines geistigen,
kulturellen und sittlichen Lebens, kurz: seine Individualität, ist
nur als Einheit einzelner, besonderer und allgemeiner gesellschaftlicher
Merkmale und Eigenschaften zu verstehen. Das einzelne Individuum ist stets
Angehöriger einer bestimmten Gesellschaft und in dieser einer bestimmten
Klasse. Seine ihn auszeichnende Individualität wird wesentlich durch
seine objektive soziale Lage, durch die materielle und ideologische Situation
der gegebenen Gesellschaft bestimmt und findet dort auch ihre gesellschaftliche
und sittliche Bewährung." 4
Keine Individualität ohne Gesellschaft. Keine Gesellschaft ohne Individuen.
Kein PIA ohne die Medienlandschaft. Aber keine Medienlandschaft mehr ohne
PIAs. Das ist letztendlich die Forderung die ich stelle. So wie Individualitäten
eine Gesellschaft letztendlich definieren und diese wiederum die Individuen,
so muss auch ein PIA die Medienlandschaft beeinflussen und diese wiederum
die Entwicklung eines PIA unterstützen. Die Gesellschaft dient als
Quelle für Individualität, so wie die Medienlandschaft die Quelle
eines PIA darstellt. Ein PIA wird die Medienlandschaft nicht abschaffen
oder in ihrer Grundstruktur verändern. Er wird aber Forderungen an
sie stellen um existieren zu können.
"Oh schöne neue Medienwelt…"
Tübingen 2004
Gewidmet Prof. Ralf Dringenberg, dem Urvater dieser Gedanken.
Fussnoten:
1) Goethe, Johann Wolfgang, Faust, Der Tragödie erster Teil, Stuttgart
1986, Seite 13
2) Klaus, Georg und Buhr, Manfred, Philosophisches Wörterbuch, Leipzig
1966, Seite 255
3) Hachenai, Wilfried
4) Klaus, Georg und Buhr, Manfred, Philosophisches Wörterbuch, Leipzig
1966, Seite 256
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