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  Kapitel 1
Diplomarbeit "Schöne neue Medienwelt"
Andreas Ingerl
Stand: 30. September 2004
 
     

Schöne Neue Medienwelt

 
       
     

Kapitel 1


Prolog

1. Die Schöne neue Medienwelt

 

1.0 Einführung

Diese Einleitung, ja vielleicht die ganze Arbeit stellt nicht gänzlich eine geschlossene Abfassung zu einem fest einzugrenzenden Thema dar. Mehr ist es ein Herausbrechen von gesammelten Ideen, Informationen und Erfahrungen, hin zu einer weiterreichenden Ideen, ja hin zu einer Utopie, dessen was sein könnte oder vielleicht sein sollte? Ich selbst bin und war ein Kind der "schönen neuen Medienwelt". Geboren in einer Welt der klassischen Medien, aufgewachsen während der digitalen Revolution der Neuen Medien, erwachsen geworden in der Zeit des IT-Hypes. Heute stehe ich vor dem Trümmern der IT-Generation, vor enttäuschten Hoffnungen, aber noch viel mehr vor unzähligen nicht realisierten Visionen, deren Zeit eigentlich längst gekommen ist.


Die digitalen Medien sind erwachsen geworden. Es war ein fabelhafter Weg, voller Visionen und Ideen, voller Motivation und Tatkraft, aber auch ein Grab, ein Grab des gleichen Ideen und Unmengen von Kapital, eine Situation von Verlust und Depression. Die neuen Medien, wenn dieser Begriff überhaupt noch Gültigkeit hat, hat seine Teenagerzeit überwunden und leben nun in der bitteren Realität des erwachsen Seins. Sie haben sich etabliert, aber von den Möglichkeiten und den Vision ist wenig geblieben. Sie schlummern Stil in den Schubladen der einstigen Machern, den Kindern der digitalen Medien.


Die eigentliche Zentrum dieser Medien war eine die dem Weg des erwachsen Werdens, als erstes zum Opfer fiel. Der Mensch, als Individuum. Kein Medium ist mehr in der Lage auf die Individualität des Menschen mehr einzugegen als diese, ungegenständlichen, unräumliche, keinem grundsätzlichen zeitlichen Verfall unterworfenen, speicherbaren und vor allem immer wieder neu rekombinierbaren Medien. Doch der Mensch hat sich schnell an Softwarefeatures und Datenbanktechnik gewöhnt. Sich neue Verhaltensweise gegenüber diesen Interfaces oder Desktops antrainiert. Das Portal-Layout für Webseite als Standart akzeptiert. Menüs, Icons, Drop-Down, Pop-Ups stillschweigend in sein Leben integriert. Es ist nicht alles schlecht an diesen Medien, wie es dem geneigten Leser jetzt erscheinen mag. Ein Medium das durchweg von Fehlern und Missverständnissen durchsetzt wäre,könnte niemals solche Erfolge feiern. Doch sind wir noch weit davon entfernt die eigentlichen Möglichkeiten dieser Medien zu nutzen. Das Medium von seinen Fesseln der statischen Kompositionen, wie es anderen Medien wie Tageszeitungen oder Fernsehsendungen anhängt, zu befreien. Auch Hypertext-Strukturen, Links, Verweise, Cluster oder Suchmaschinen helfen uns nicht darüber hinweg, diese Fesseln ein für allemal zu sprengen.


Minimalste Ideen wie beispielsweise Webseite von Softwarefirmen in 3 Teile zu gliedern. In Informationsbereiche für 3 mögliche Zielgruppen, den Entscheidern, den System-Administrator und den Usern, wurden niemals konsequent umgesetzt oder sind heute schlicht weg verschwunden – offline. Jedem dieser drei Gruppen sollte ein individueller Zugang zu dem ihm wichtigen Informationen verschafft werden. Eine minimale Form der Personalisierung. Doch wir besitzen heute Formen der Personalisierung in Newsgroups oder Chat-Systemen, doch diese Möglichkeiten nutzen bei weitem nicht das was wirklich möglich wäre. Sie beschränken sich auf Auswahl von Informationsbereichen (abonnieren) oder dem austatten eines Avatars mit mehr oder weniger zutreffenden Charaktereigenschaften. In zweitem Falle muss dieser entstandene Avatar nichts mit der realen Existenz zu tun haben. Das Geschlecht in so einem Chat zu wechseln ist nur einen Klick entfernt. Es entsteht eine virtuelle Cinderella.


Um der Vorgabe einer echten Personalisierung gerecht zu werden, muss ein Umdenken stattfinden. Eine Hinwendung vom Objekt zum Subjekt. Von passiven hin zu mitdenkenden Produkten. Ja vielleicht sogar das entwickeln einer neuen Sprache zwischen Mensch und Maschine. Welche Schritte dazu nötig sind und in wie fern eine solche Vorgabe schon realisiert ist gilt es zu untersuchen.

Doch zuvor wollen wir einen Blick auf die Bedeutung des Titels schöne neue Medienwelt richten. Uns umschauen wie Persönlichkeit und Individualität beschrieben werden kann. Betrachten was Wissen und Gedächtnis bedeuten. Erfassen was Avatare und persönliche Agenten sind.



1.1 Schöne Neue Welt, 1984 und Wir.


"O Wunder! Was gibt's für herrliche Geschöpfe hier! Wie schön der Mensch ist! Schöne neue Welt, die solche Bürger trägt!" 1


Dieses Zitat eröffnet Aldus Huxleys Roman "Schöne neue Welt". Die Geschichte einer Utopie. Eine düstere Vision der Menschheit in 600 Jahren. Ein Ausblick auf die Rolle des Menschen in einer utopischen Gesellschaft. Weder in Huxelys Buch, noch in den ähnlichen Romanen von George Orwell "1984" oder Jewgenij Samjatin "Wir", werden die Medien weitergehend thematisiert. Alle 3 Bücher handeln von dem Geschöpf Mensch in einer zukünftigen Gesellschaft, einer düsteren Gesellschaft. Eine Gesellschaft die dem Mensch kaum Raum für Individualität und Persönlichkeit lässt.


Warum also der Titel "Schöne neue Medienwelt", der so stark an Huxelys Roman erinnert. Alle Romane besitzen als zentrale Figur den Menschen. Seine Rolle, seine Zwänge, seine Beugung in ein Gesellschaftssystem. In allen Romanen bricht ein Mensch aus den Fesseln dieser Gesellschaft aus. Bricht die Regeln. Entzieht sich der Normierung der Gesellschaft. Wird zu einem Individuum, in einer Gesellschaft wo der Mensch kein Recht auf Individualität besitzt, sondern als Funktionsträger funktioniert. Und doch ist der Mensch schön, einzigartig und herrlich, wie das Zitat belegt.


Wo sind in diesem System die Medien, in ihrer aufklärenden und bildenden Funktion? "Die Erfindung der Buchdruckerkunst machte es jedoch leichter, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, und Film und Radio förderten diesen Prozess noch weiter." 2 Die Medien als Form der gesellschaftliche Manipulation. Medien besitzen die Fähigkeit zu manipulieren und zu informieren. Machtinstrument zur Unterwerfung des Menschen oder Informationsinstrument für eine durchdringende Demokratisierung und Mündigkeit einer Gesellschaft.


Doch im Zentrum jeglicher Betrachtung, weit über diese Romane hinaus, steht der Mensch. Der Mensch im Zentrum der Schöpfung, im Zentrum der Gesellschaft, im Zentrum der Medien. Der Mensch als Individuum, also einzigartiges Geschöpf.

 

1.2 Der Mensch in der Aufklärung und Aufklärung durch Wissen.


Wir betrachten uns als Teil einer aufgeklärten Gesellschaft. Und die Medien sind ein Teil dieser Aufklärung. Sie tragen dazu bei Geschehnisse zu vermitteln, Kompetenz zu schaffen, Wissen und Information zu vermitteln und Aufklärung zu schaffen. Doch was ist Aufklärung? Wie ist die Sicht der Aufklärung auf den Menschen?
"Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht an Mangel des Verstandes, sondern der Entschliessung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Spere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung." 3


Der Mensch soll also aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit befreit werden! Gerade heute haben wir doch unzählige Möglichkeiten diesem Anspruch gerecht zu werden. Uns stehen unzählige Formen der Information und Kommunikation zur Verfügung. Wenn wir bei den Medien bleiben. Wir haben eine Reihe von Möglichkeiten, ein und das selbe Ereignis nachzuvollziehen, durch diverse Medien. Sei es Fernsehen, Hörfunk, Presse, Internet oder persönliche Kommunikation, oder einer beliebige Kombination daraus. Doch das fordert den Menschen, seine eigene Initiative und die Filterung, Sortierung und Kommentierung von Information. Das Interpretieren von Information, den Vergleich von Quellen, das Zuordnen von verschiedenen Medienfragmenten in einen neuen, individuellen und persönlichen Kontext. Wir besitzen heute die Freiheit und die Grundlage dazu. "Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heissen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen [und privaten] Gebrauch zu machen. […] der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muss jederzeit frei sein, und der allein kann Aufklärung unter den Menschen zustande bringen […]" 4


Nun wir besitzen heute diese Freiheit und jegliche Möglichkeit diesem Anspruch der Aufklärung zu entsprechen. Theoretisch. Doch besitzen wir Mittel oder Werkzeug dies wirklich zu leisten. Es gehört grosser Aufwand dazu aus unserer heutigen Medienwelt, Informationen zu beschaffen, sie zu speichern, zu vergleichen, verwertbar zu machen. Wir haben nur sehr unzulängliche Methoden diesen Anspruch zu erreichen. Und zwar nicht zwingend öffentlich sondern primär privat. Eine persönliche Informations-Basis zu erschaffen, die jederzeit abgefragt werden kann, die Rückschlüsse zulässt, die meinen Interessen entspricht. Bei diesen Gedanken erzeugt sich ein Bild von digitalen Texten auf einem Rechner, Sammlungen von Zeitungsartikeln, Videokassetten voller Nachrichtensendungen oder Kassetten oder CDs voller Radioaufnahmen. Oder noch weiter, digitale Speicher voller SMS oder nie festgehaltene persönlicher Gespräche. Oder der Unzulänglichkeit des menschlichen Gedächtnis. Wir haben kein Werkzeug diese Informationen zu speichern, auszuwerten oder auf den Kern ihrer Wichtigkeit zu reduzieren. Es ist eine flüchtige Masse von Informationen die uns umgibt. Ein Ziel der "schönen neuen Medienwelt" dies zu ermöglichen? Aufklärung in einem rein privaten und persönlichen Umfeld zu schaffen. Aufklärung durch eine persönliche Wissens-Basis die sich stetig erweitert?


Die zentrale Möglichkeit einer zukünftigen Entwicklung "[…] ist wohl die sich abzeichnende Möglichkeit einer kollektiven Intelligenz […] Die Entwicklung im Bereich der Computerindustrie weist in Richtung eines Aufmerksamkeitsmanagements, dessen wesentlichstes Element subjektive Paradigmen der Mensch-Maschine-Interaktion bilden. Subjektivität und Kollektiv sind in ein neues Verhältnis gestellt, weder Vereinzelung noch Vermassung sind angesagt, sondern der Verweis einzelner Teile aufeinander." 5
Also nicht mehr die isolierte Information oder die Gesamtkomposition eines Mediums, sondern das Fragment, das "[…] statt der statischen eine dynamische Repräsentation von Inhalten, sowie einem nutzerspezifischen Arragement von Daten und Informationen […]" 5 ermöglicht.


Dies kann man an folgenden Faktoren festmachen:


"- Sprache ist nicht reduzierbar auf verbales allein, wir brauchen einen erweiterten Zeichenbegriff;
- Lesen ist nicht bloss sequentielles Decodieren,der menschliche Geist arbeitet assoziativ;
- Texte sind keine geschlossenen Objekte, sondern offene Systeme;
- Wissen ist keine Entität, sondern ein Prozess." 6


Es sind andere Medienwelten denkbar, konstruierbar und kontituierbar. Wenn wir uns von den klassischen Formen lösen und andere Strukturen von Wissensspeicherung und damit deren Verarbeitung auf Basis persönlicher Interessen und Schemata in Betracht ziehen. Wieder stehen wir an der Schwelle zu einer Utopie, zu einem visionären Wunschdenken, dessen was sein könnte. So wie Huxelys seinen Roman mit einem zweiten Zitat von Nikolai Berdjajew eröffnet:
"Utopien erweisen sich als weit realisierbarer, als man früher glaubte. Und wir stehen heute vor einer auf ganz andere Weise beängstigenden Frage:
Wie können wir ihre endgültige Verwirklichung verhindern? […] Utopien sind machbar. Das Leben hat sich auf die Utopien hinentwickelt. Und vielleicht beginnt ein neues Zeitalter, ein Zeitalter, in dem Intellektuelle und Gebildete Mittel und Wege erwägen werden, die Utopien zu vermeiden und zu einer nichtutopischen, ein weniger "vollkommenen" und freieren Gesellschaftsform zurückzukehren." 7


Nun nicht die Gesellschaftsform soll Ziel der Diplomarbeit "Schöne neue Medienwelt" sein. Sondern das Individuum Mensch, als Ausgangspunkt, Zentrum und Ziel medialer Kommunikation. Nicht die Gesellschaft der Medien, die Medienlandschaft, soll verändert werden. Sondern eine Umgebung in der jeder Mensch aus gegebenen Medien, Bildern, Videos, Textfragmenten, Stimmen, Tönen, selbst einzelnen Worten, seine persönliche Umgebung erzeugt. Seine persönliche Wissens-Basis. Ein Konstrukt aus fragmentierten Wissen-Partikeln, die in seiner Gesamtheit einen neuen persönlich individuellen Kontext ergibt. Den des einzelnen Individuums. Um dem Mensch eine Möglichkeit zu eröffnen sich aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu erheben.

 

1.3 Das Ideal des individuellen Menschen nach Miyamoto Musashi


Der japanische "Kensei" (Weiser) Miyamoto Musashi schrieb im späten 17. Jahrhundert das "Buch der 5 Ringe". Seine Schriften werden bis heute weit über die Grenzen Japans in hoch geehrt. "Wenn Musahsi spricht, so lauscht die ganze Wall Street" titelte die New York Times einst. Eigentlich beschreibt der Samurai darin den Weg der Schwertkampfes, doch grundlegend geht es um den "Weg" des Menschen, den er zu gehen hat um Weisheit und Vollendung zu finden. Und dabei wiederum um die Individualität des Menschen. "Die Person kann nicht an sich und für sich entstehen. Sie erwächst aus dem Zueinander-Verhalten, aus dem Bezug auf andere." 8


Also entsteht die Person, das Individuum in einer Interaktion mit der Umwelt und dadurch auch mit Medien oder Informationsquellen. Seien dies nun Schriften oder Menschen. Hieraus ergibt sich das die menschliche Erfahrung durch zwei Dinge bestimmt werden kann, durch unterbewusstes speichern im Menschlichen Geist (Erfahrungen und Gedächtnis) und durch Niederschrift von gesellschaftlich Übergreifenden Erfahrungen. Informationen werden durch Medien zugänglich gemacht, durch den Mensch erfasst und somit in seinen Geist, sein Bewusstes oder Unterbewusstes übernommen und somit Teil seines Handelns. Um so öfter dieses Abgleichen zwischen, nennen wir es medialem Bewusstsein und persönlichem Bewusstsein, geschieht um so gezielter das menschliche Verhalten, sein Wissen, sein Bewusstsein. "Mann kennt keine Zeremonien und keine Lehren; der einzelne ist nur sich selbst verantwortlich." 9


Wie bereits beim Kapitel (XXXXXXXX) über die Aufklärung erwähnt, ist der Mensch sich selbst verantwortlich, also auch seiner Bildung, seines Wissens und der damit verbundenen Beschaffung von Informationen. Nur diese Informationen zu ordnen, ihnen Struktur zu verliehen, ihm die Möglichkeit einzuräumen sie nach seinem Willen zugänglich zu machen, das kann die Aufgabe eines technischen Systems oder eines Wissens-Vermittlungs-Systems sein. "Im Grunde müssen wir davon ausgehen, dass die natürlichen Begabungen des Menschen verschieden sind." 10 Ziel ist es eine Umgebung zu erarbeiten, die auf den Vorraussetzungen eines speziellen Menschen, dessen Wissen, Kommunikation und vielleicht sogar dessen "Lebensdaten" speichert. Das kann bei einem Zeitungsartikel Kreditkarten- oder persönlichen Daten, eMails, verfassten Gedichten oder Bildern, beginnen und bei Zeitdokumenten, Fernsehaussschnitten oder Tondokumenten enden. Die Vergänglichkeit der Kommunikation wird überwunden, hin zu einer persönlichen Datenbank, die einem Selbst oder anderen Auskunft über sich, das erlebte oder erfahrene geben kann. "[…] an einem Ding zehntausend Dinge zu erkennen, [das ist die Kunst]" 11 Und dabei kann eine digitales System helfen, aus einem Informationsfragmente, zehntausend neue zu erkennen oder zu verknüpfen und dadurch einen neuen persönlichen Kontext dieses Fragments zu erzeugen. Doch das birgt eine bedeutende Gefahr. "In unserer heutigen Zeit und Welt neigt man dazu, Künste, Fertigkeiten und Werkzeuge und mit ihnen sich selbst zu verkaufen. Mehr als die Frucht achtet man die Blüte, und es zählt allein der Schein." 12 Dabei darf nicht die Technik, das System, die Umgebung eines Programms die Funktion bestimmen, sonder der Benutzer, der Mensch in seiner persönlichen Ausprägung.

 

1.4 Das kollektive und individuelle Gedächtnis


"Im Unterschied zu allen bekannten Lebewesen geben wir nicht nur ererbte, sondern auch erworbene Informationen an künftige Generationen weiter" 13
Diese Eigenschaft zeichnet uns Menschen im besonderen aus. Informationen können durch verschiedenste Formen übertragen werden. Zum einen durch eine "orale Kultur" im weitesten Sinne Sprache und daraus resultierend die "materielle Kultur" die sich durch Gegenstände manifestiert. Seien es alte Ruinen, Gebrauchsgegenstände, Schriften, Bücher, Tonträger, Videobänder oder digitale Datenträger. Die Fähigkeit zu Sprechen ist ererbt, die Sprache aber muss erworben werden, so wie jede weiter Form der Kommunikation die aus der Sprache resultiert. Weiter noch sind für technische oder digitale Formen, Träger oder Gerätschaften von Nöten, die die Informationen speichern, ordnen und verbreiten. Schriftkultur war dabei der bedeutendste Schritt den Code gesprochener Sprache in visuelle Zeichen zu übertragen.


"Das neue kulturelle Gedächtnis (die Bibliothek) konnte sich nur langsam durchsetzen, denn es hatte gegen das vorangegangene orale Gedächtnis und dem materiellen Gedächtnis in komplexem Weschelverhältnis zu kämpfen. […] Man sah die Bibliothek nicht mehr als Gedächtnisstütze an, […] sondern man begann sie als eine über dem Mensch schwebende Transzendenz anzusehen." 14
So sind also orale und materielle Kultur verschmolzen. Hin zu einer Informations- und Medienwelt, wie wir sie heute kennen. Weit grösser als Bibliotheken gibt es heute Informationsräume die noch grösser, nochumfangreicher, noch vernetzer sind, wie zum Beispiel das Kontrukt Internet.


Daduch entstand und entsteht nun eine neue Form des Gedächtnis, das elektronische. Schon lange sind wir von diesen Formen umgeben. Einfachste Beispiele dafür sind Festplatten in Computern oder selbst eine Kreditkarte, die ein Gedächntnis über meine Kontodaten und Kontostand besitzt. Wenn die Kreditkarte selbst dazu auch nicht in der Lage ist, so doch das System (der Geldautomat) mit dem sie interagiert. "Bei elektronischen Gedächtnissen werden einige übertriebene Gehirnfunktionen aus dem Schädel auf unbelebte Gegenstände hinausprojiziert und können [so] beobachtet und behandelt werden. […] Elektronische Gedächtnisse sind bequemer als zerebrale informierbar, sie haben grössere Lagerkapazitäten,sie können die in ihnen gelagerten Informationen besser bewahren, die einzelnen Informationen sind dort bequemer [sogar weltweit] abrufbar, und man kann unschwer die Information von einem Gedächtnis auf ein anderes übertragen" 15 Diese Informationen je nach Bedarf neu ordnet, rehkombiniert, filtert, vergleicht, bereinigt oder unnützes löscht. Und vor allem zu einem eigenen persönlichen Nutzen verwenden. "Der Mensch wird nichtmehr [ausschliesslich] Arbeiter sein ("homo faber") sondern ein Spieler mit Informationen ("homo ludens")." 16 Somit stellt sich aber nach wie vor die Frage in welchem System unter welchen Bedingungen ein solches Gedächtnis entstehen und genutzt werden kann. Was ist nötig um dieses Gedächtnis zu füllen, zu erweitern, zu strukturieren und letztendlich ein Ergebnis zu erhalten. "Wir haben uns als Knotenpunkte eines Netzes anzusehen, durch dessen Fäden (seinen sie materiell oder energetisch) Informationen strömen. In diesem Knoten werden die Informationen gestaut, prozessiert und weitergegeben, aber diese Knoten sind nicht ein Etwas: entknotet man sie (löst man die Relationsfäden, die sich bilden), dann bleibt nichts übrig (wie bei der sprichwörtlichen Zwiebel). Mit anderen Worten: wir haben eine Anthropologie auszuarbeiten, welche den Menschen als eine Verknotung (Verkrümmung) einiger sich überschneidender Realtionsfelder ansieht." 17


Wir müssen als eine Umgebung schaffen in der die einmal definierten Realtionen erhalten bleiben. Sich sogar stetig erweitern und immer auf dem neusten Stand sind. Dabei steht nach wie vor der Mensch als Individuum im Zentrum der Betrachtung. Den Mensch an dieser Stelle also Schema, Archetyp oder Funktionsträger einer mehr oder weniger zu bestimmenden Zielsetzung zu sehen wäre nicht nur falsch, es wäre fast fahrlässig. Den genau an diesem Punkt kann auf die persönlichen Interessen eines Rezipienten eingegangen werden. Informationen erhebensich über den Status des fest komponierten Medien, sondern werden Fragmente, welche durch die Persönlichkeit bestimmt werden und mit den individuellen Relationen des Nutzers vernetze werden. Ein Schritt dahin stellen überlegungen aus den 90er Jahren dar, Avatare (digitale Agenten) zu erschaffen, die mit einem Persönlichkeitsprofil ausgestattet, Informationen für den Nutzer sammeln. Selbständig sollten sie das Internet oder andere Informationsräume durchsuchen um dann spezifische Informationen zu erstellen. Man denke zum Beispiel an versuche mit digitalen persönlichen Tageszeitungen. Eine Utopie die nie Realität wurde.

 

1.5 Avatare als Abbild der eigenen Persönlichkeit.


Unter dem Begriff eines Avatars versteht man ursprünglich nach hinduistischer Mythologie die Inkarnation einer Gottheit in irdischer Gestalt. Ein leiblicher Körper durch den ein Gott mit den Menschen in Kontakt tritt. Doch dieser Begriff hat in der modernen Mediengesellschaft eine andere, ja fast konträre Bedeutung bekommen. Wenn wir heute von Avataren sprechen meinen wir mehr die virtuelle Verkörperung unserer eigenen Person in virtuellen Welten oder digitalen Umgebungen. Diese digitale Maske oder dieser virtuelle Körper, je nachdem ob man eine sprachlich-textliche Umgebung (z.B. einen Chat) oder eine grafisch-räumliche Umgebung (z.B. virtuelle Realität) zugrunde gelegt, vertritt unser Ich in dieser digitalen Agora. Oft werden dabei fantastische Gestalten oder Bilder verwendet. Der Avatar mit Prädikaten ausgestattet um dieses Abbild zu erschaffen. Dabei liegt es im eigenen Gewissen des Users ob er ein ebenbürtiges Abbild erschafft, oder erschaffen kann, oder ob daraus eine "virtuelle Cinderella" 18 wird.


Doch ursprünglich steckte hinter der Idee eines digitalen Avatars zwei etwas andere Gedanken. Zum einen besassen Medienschaffende Mitte der 90er Jahre die Vision intelligente Avatare oder Agenten zu erschaffen, die unabhängig ihres Nutzers aber durch seine persönlichen Merkmale oder dessen Profil, das Internet durchsucht und personalisierte Informationen sammelt. Ein Aspekt davon war beispielsweise die personalisierte Zeitung, die durch solch einen Avatar erzeugt wird. Zum Anderen um Assistenten die dem Nutzer bei verschiedenen Anwendungen zur Seite stehen. Also eine Art Assistenten. Helfer die sich im sinne einer Personalisierung auf mich einstellen und entweder Informationen sammeln oder mir weiterhelfen. Und zwar nach meinen persönlichen Bedürftnissen.


Es gab eine grosse Zahl dieser Projekte. Cora die virtuelle Beraterin der Deutschen Bank 24 oder Johann P. Partout ein Informationsavatar des Handelsblatt sind nur zwei solcher Beispiel. Doch der bekannteste Avatar war Baby Fred auf der Webseite www.genie.de, die heute nichtmehr existiert. Baby Fred besass sogar einen eigenen Fanclub. "Das Genie-Baby stellt eine Innovation im Internet dar – auf Basis einer neuartigen 3D-Standardsoftware wurde dieser voll interaktive 3D-Webcompanion für das Internet realisiert. Mit Witz und Charme begleitet der Kleine die User auf den Webseiten. Dabei bleibt es jedoch nicht wie bei herkömmlichen Webfiguren bei der bloßen Interaktion, sondern der kleine freche 3D-Charakter, imigo (= interaktiver amigo), fordert den Internet-Nutzer proaktiv zu bestimmten Verhaltensweisen auf." 19 Baby Fred wurde von der Firma "plan_b media" entwickelt, die heute noch mit diversen Avataren für sich wirbt. Das Zitat belegt das es sich dabei sehr stark um eine technische Entwicklung handelt. 3D-Technologie und Prädikate wie Witz und Charme werden genannt. So wird Baby Fred als "Kleinkind mit dem Charakter-File eines 30-jährigen feurigen Lations" 19 bezeichnet. Fred ist heute nur noch binärer Müll auf irgendeinem Datenträger, seine Existenz wurde am 22. März 2002 beendet noch bevor er jemals erwachen wurde. 20


Der WDR sendete 2001 in den Sendung "Angeklickt" zu diesem Thema einen Beitrag mit dem Titel "virtuelle Figuren im Netz" 21. Auch in diesem Beitrag war sehr viel von technischen Neuerungen die Rede, wie und mit welchem Mitteln man solche Avatare erschaffen kann. Doch wenig von ihrem Nutzen, ihren Chancen, ihren Risiken.


Heute ist von diesen Visionen nichts mehr zu sehen. Kaum eines dieser Beispiele aus der IT-Zeit um das Jahr 2000 sind heute noch zu finden. Auch die Firmen sind restlos verschwunden. Internetverweise aus Literatur dieser Zeit sind verloren, schlicht: "Fehler 404 - not available". Echte Beispiele sind heute rar. Avatare sind heute blosse Abbilder (oft Animes) im Chatroom oder textliche Profile die anderen Chattern mitteilen "Wer ich bin". Die Vision eines intelligenten Assistenten sind heute spärlich, doch es gibt sie noch nur in anderen Formen. Diese Ideen kann nicht grundsätzlich verschwunden sein. Formen der Personalisierung oder zumindest der Dynamisierung, denkende Produkte wie "smart objects" oder "things that think" müssen noch existieren. Es handelt sich hier um ein weit grundsätzlicheres Problem der Mensch-Maschine-Kommunikation als bisher abzusehen ist.


Doch stellt sich die Frage nach der Wesensform eines solchen Avatars. Durch ihn wird "[…] die Verlagerung von passiven Produkten (Objekten) hin zu mitdenkenden Produkten (Subjekt) impliziert […]". 22 Ist als zum Beispiel auch das Navigationssystem eines Autos, das dynamisch die Staumeldungen abfragt, und im Idealfall eine alternative Route um dem Stau herum berechnet, ein solcher Avatar? "Die Zunahme denkender und kommunizierender Objekte ist derzeit in allen Lebensbereichen zu beobachten." 23 Nein hier sollte man nicht von einem personalisierten Service sprechen, den jeder der dieses System besitzt würde das selbe Ergebnis erhalten, eine Umleitung. Aber genau betrachtet verdeutlicht dieses Beispiel den heutigen Blick auf unsere Medien- und Informationswelt. Der Mensch ist nur Objekt in einer Welt von Angeboten. Statistisch ausgewertet ist er Zielgruppe und grösster gemeinsamer Nenner. Im Falle eines Navigationssystems kein Fehler, es bedarf keiner persönlich individuellen Umleitung. Aber in vielen anderen Fällen, wäre eine Ausrichtung am direkten Individuum und nicht an einer mehr oder weniger genau definierten Zielgruppe sinnvoller. Es vollzieht sich ein Umdenken, eine Umkehrung tradierter Denkschemen. Es gibt schon heute den Begriff des PIA, eines "Personal Interface Agent". Der lateinische Ursprung des Wortes "Agent": ausführen, verrichten und lenken, macht die Möglichkeit einer dienende Funktion eines solchen Agenten deutlich. Der Handlungsprozess wird umgekehrt. Nicht der Nutzer handelt ausschliesslich, sonder es wird eine Symbiose zwischen Handeln und Automatismus geben. Das Handeln des Nutzers wird dadurch nicht vermieden, doch aber verändert. Es wird eine Umkehrung heutiger Nutzungsformen stattfinden. "Persönliche Interface-Agenten stellen eine völlig neue Herangehensweise im Umgang mit denkenden Produkten oder Informationssystemen dar, bei dem diese sich am Nutzer orientieren – und nicht wie bisher - umgekehrt" 24

 

1.6 PIA - Persönliche Interface/Informations-Agenten

Persönliche Assistenten kennt man nahezu aus allen Epochen der Menschheitsgeschichte. Seien es die Jungen die in altertümlichen Stämmen das Wissen der Alten gelehrt bekamen und sie als Gegenreaktion verehrten und Arbeiten verrichteten welche die Alten nicht mehr tun konnten. Also eine Coexistenz führten, im Sinne einer Gemeinschaft. Oder viel deutlicher die Aufgabe des Knappen im Mittelalter oder des Adjutanten bei Duellen des 17. Jahrhunderts. Oder das klassische Bild des Butlers aus dem 19. Jahrhundert. Der ältere ergraute Mann (wenn man dem Klischee folgt) der alles über seinen Herren weiss, ihn seit Jahren begleitet und ihm stehts zur Seite steht, ihm Arbeit abnimmt wo er nur kann und somit eine Erleichterung der täglichen Aufgaben eines Menschen darstellt oder schlicht weg auch mal ein kleines bisschen Luxus bietet.


Auch in der digitalen Umwelt wurde früh über solche Helfer nachgedacht. Schon in den 50er Jahren entwickelten zwei Forscher (John McCarthy und Olivier G. Selfridge) am Massachusetts Institue of Technologie in Bosten die Vision eines solchen Helfers. "Sie dachten an ein System, das bei einer Aufgabenstellung die notwendigen Einzelschritte zu einem vorgegebenen Ziel selbstständig ausführt, das um Hilfe bittet, wenn es nicht mehr weiterkommt, und Hilfsanweisungen in menschlicher Umgangssprache annimmt." 25 Eine selbst aus heutiger Sicht, den Wünschen eines PIA sehr naheliegende Vision. Ähnlich dem vorher erwähnten Butler. Dieser Butler wurde 1988 von der Firma Apple wirklich zum digitalen Leben erweckt. In der "Knowledge Navigator Studie" wurde ein digitaler Butler namens "Phil" entwickelt, der durch sprachliche Eingaben die Schnittstelle zwischen Mensch und dem digitalen Informationsuniversum darstellt. Somit ging Apple kurz nach der Entwicklung der grafischen Benutzeroberfläche schon einen Schritt weiter und versuchte diese, durch Phil zu ersetzen. Doch Phil konnte sich nicht von den damaligen Fesseln der Technik befreien. Er war noch den Grenzen der Linearität unterworfen. Den er war nichts anderes als eine als Film gedrehte Studie. Die Hard- und Software der damaligen Zeit waren nicht in der Lage so eine Leistung zu erbringen.


Ich glaube nahezu jeder wünscht sich heute mindestens einmal pro Tag einen solchen "Phil" an seine Seite. Der Umbruch von einer informierten zu einer Informationsgesellschaft hat viele Fragen aufgeworfen. Die Neuen Medien grenzen sich kaum noch von den alten Medien ab. Ein Zeitungsartikel im Internet ist zumeist der gleiche wie in der Druckversion und zudem, nach heutiger Technik, deutlich schlechter lesbar. Wo sind sie geblieben, die Möglichkeiten und Visionen der elektronischen Medien? Dieses unüberschaubare Potential an Verfügbarkeit und Nutzbarkeit? Interface Agenten sind sicher nicht das Zauberwort das alle Probleme löst, doch lohnt es sich weiter über sie nachzudenken. Den gerade sie "[…] ermöglichen […] das konfigurative Erfassen von Informationen beim Nutzer, was eigentlich die neuen Medien gegenüber den alten auszeichnet." 26


Was unterscheidet also nun die nächste Generation solcher Interface Agenten? Sie werden eine Art von "Beziehungsintelligenz" besitzen. Es wird in vielen Einrichtungen wie dem MediaLab des MIT, den Ames Research Laboratories von IBM oder im Xerox Park in Palo Alto an solchen Agenten geforscht. Diese Einrichtungen prägend den Bergiff des PIA als Personal Interface Agent. Ich möchte diesem Begriff eine kleine Veränderung geben. Der Begriff Interface liegt mir noch zu nahe an dem Gedanken das heutige metaphorische Desktop-Interface durch einen solchen PIA zu ersetzen. Der PIA ist mehr als nur ein Interface, als die Schnittstelle zu Information oder Daten. Deshlab werde ich den Begriff Interface im Zusammenhang mit meiner Arbeit durch Informatione ersetzen. Ein PIA ein persönlicher Informations-Agent. Er ist mehr als blosse Schnittstelle. Er ist die neue Generation von Information. Informationsbeschaffung, Informationstrukturierung und Informationsdarstellung.

 

1.7 Grundgedanken zur Entwicklung eines PIA (persönlichen Informations-Agenten)

Wenn man nun weiter über PIAs nachdenkt liegt ein Grundgedanke, oder eine Urangst, sehr nahe, die des gläsernen Menschen. Der Agent wird zum Teil des Nutzers und verfügt somit über kritische Informationen, die im Sinne des Persönlichkeits- und Datenschutzes geheim bleiben sollten. Diese Angst hat zwei Gründe. Zum einen der Vertrauen in den Agenten und zum anderen das Vertrauen auf die Sicherheit der gespeicherten Daten. "Es stellt sich also die Frage, inwieweit wir uns selbst vertrauen. Denn die eigentliche Entblössung besteht [grundlegend] nicht gegenüber dritten sondern ausschliesslich im Aufbau eines digitalen wissensrepräsentierenden Ichs." 27


Das mag aber nur bedingt richtig sein. Den einerseits geht es im den isolierten Aufbau von persönlichen Daten und Wissen, zum anderen aber auch um die Ausgabe auf (mehr oder weniger vor Fremdzugriff gesicherte Endgeräte) oder auch den Austausch mit Anderen. Mann stelle sich beispielsweise vor, der PIA ist in der Lage über Konto-, Kranken- oder andere persönliche Daten Auskunft zu geben. Und man gewährt einer Institution oder einem Amt den Zugriff auf diese Daten um sich das lästige Ausfüllen von immer wiederkehrenden Formularen zu ersparen. Es würde eine grosse Erleichterung von Arbeitsabläufen, die meist doch sehr Zeitaufwendig sind, darstellen, aber auch das Risiko in sich bergen, das diese Daten nicht vertraulich behandelt werden. Oder im Falle einer Steuererklärung, die das Finanzamt, aufgrund des Zugriffes auf meine Vermögens-, Einkommens- und Kontodaten, selbstständig vornimmt, wäre das Risiko gross das meine schwarzen Löcher gefunden werden, von denen das Finanzamt nichts wissen soll. Prinzipiell würde ein solcher Vorgang aber den Prozess der Steuererklärung deutlich vereinfachen, ja sogar überflüssig machen. Mit "einem Klick" wäre diese Arbeit erledigt. Aber über Umfang und Form der Nutzung eines PIA muss jeder selbst entscheiden. Aber natürlich müsste ein solcher PIA über die dem Stand der Technik entsprechenden Sicherheits- und Verschlüsselungscodes verfügen um eine maximale Sicherheit darzustellen.


Die Preisgabe dieser Informationen seinem Agenten gegenüber kommt einer Informationsentblössung gleich. Dieses Vertrauen kann sich nur zeitbasiert entwickeln und muss ein natürliches Verhalten in den Fähigkeiten des digitalen Agenten darstellen. Menschen entblössen sich natürlicherweise nur sehr langsam und Enttäuschung kann zu einem Vertrauensbruch führen. Wie es im normalen menschlichen Leben ebenfalls existiert. Dieser Fehler muss also vermieden werden.

 

Heute verfügen wir über eine ganze Reihe von kleinen Agenten im Internet. Seien es Cookies, die zum Beispiel amazon.de ermöglichen mir anhand meines Kaufverhaltens neue Bücher vorzuschlagen (siehe Kapiel XXXXXXXXXX) oder einstige Agenten wie firefly.com (heute nichtmehr online) die mir anhand eines Profiles und eines Suchauftrages eine Liste von Informations- oder Produkleistungen gesammelt hat. Alle diese Agenten tummeln sich in der Aussenwelt, fern meines persönlichen Zugriffes und meiner persönlichen Kontrolle. Also in einer externen, einer Exo-Welt. Diese Agenten haben zwei grundlegende Probleme. Zum einen unterliegen sie weder meiner direkten Kontrolle, sie sind nicht teil meiner persönlichen Soft- oder Hardware und zum Anderen ist es schwierig vertrauen zu so einem "fremden Agenten" aufzubauen. Weiter noch sind wir mit einer ganzen reihe von Agenten konfrontiert. "Das Problem dieser Agenten ist, dass es der Nutzer immer mit vielen unterschiedlichen Agententypen zu tun hat, die sich durch fachspezifische Kompetenz und Kenntnisse auszeichnen und nur bedingt lernfähig sind" 28


Folglich sollte der Agent der nächsten Generation in einer Endo-Welt, also in der Innenwelt des Nutzers existieren und nicht nur fachspezifische Kompetenz aufweisen, sondern nahezu beliebig erweitert werden können. Die Endo-Welt wäre beispielsweise die eigene Hard- und Software, im besten Falle die "Black-Box" (ein persönlicher PIA-Server) im Keller des eigenen Hauses angebunden an die Exo-Welt mit einer Breitband-Datenverbindung und geschützt durch Techniken wie Firewalls und Codierung der Daten. Es gitl also zu definieren welche Rolle der Agent im Verhältnis von Exo- und Endo-Welt besitzt und wo er sich aufhält.


Der Nutzer besitzt also nur einen einzigen Agenten. Somit ist die Schwelle zum Aufbau eines Vertrauensverhältnisses deutlich geringer und er entzieht sich nicht der persönlichen Kontroll des Nutzers das er Teil des Endo-Welt ist. Der Agent wird zuerst als kleines Tool erweitert, das nur wenige einfache Aufgaben bewerkstelligen kann. Und wird während der Arbeit, oder nennen wir es besser Kontakt zwischen Nutzer und Agent sukzesive durch vorgegebene Aktionen und autonom adaptiv Verhalten erweitert. Der Agent verlässt die Endo-Welt zunächst nur auf ausdrücklichen Befehl des Nutzers, wie beispielsweise: "Stelle mir anhand meines Profils XYZ morgen um 8.30 Uhr meine persönliche Tageszeitung aus folgenden Quellen zusammen …". Dann würde der Agent diese Informationen sammeln, beherbergen, verwalten und darstellen. Ist der Nutzer mit dem Ergebnis nicht zufrieden konkretisiert er die Anfrage weiter, also trainiert den Agenten, oder lässt ihn gewähren und Aufgrund des Leseverhaltens des Nutzers eigene Rückschlüsse über die weitere Zusammenstellung einer solchen Zeitung ziehen. "Diesem bereits implementierten Agentenverhalten liegt der Grundgedanke des "Learing Realtionship" zugrund." 29


"Demzufolge erkennen persönliche Agenten nicht nur ihren Nutzer, sondern lernen auch durch sein Verhalten. Gleichzeitig können sie sich auf der Basis des Erlernten eigenständig weiterentwickeln" 30 Also besitzt ein PIA die Fähigkeit trainiert zu werden und autonom "Eigenschaften" zu entwickeln. Der Agent wird zur universellen Schnitstelle zur digitalen und vernetzen Informationswelt und der digitalen Wissens-Basis des Nutzers. Sowie möglicherweise einer Schnittmenge daraus.


"Heutige Computersysteme sind meist an Softwareprogrammen und deren technologischen Eigenschaften (Features) ausgerichtet und nicht an nutzerorientiertem Verhalten, d.h., sie greifen beim Umgang mit dem Programm nur in geringem Masse auf das Wissen ihrer Benutzer und deren Handlungsstrukturen zurück. […] Zur Problematik der Benutzerfreundlichkeit heutiger Softwareprogramme kommt […] ein weiteres Problem hinzu: das der Informationsüberflutung." 31


Wo sind also heute schon Lösungsansätze für diese oder allgemeine Probleme eine Persönlichen Informations-Agenten zu finden. Dazu sollte untersucht werden welche Formen von Agenten oder Personalisierung heute existieren. Welche der Internetagenten die IT-Krise überlebt haben. Wie Suchmaschinen funktionieren. Auf welcher Basis von Informationen amazon.de die persönliche Bücherliste zusammenstellt. Was reaktive, adaptive und realtionale Systeme sind. Welche Modelle es zur Abbildung und Ausgabe von gewonnen Informationen eines Agenten gibt. Und wie schliesslich Ansätze aussehen können das sich solche Agenten in der "schönen neuen Medienwelt" tummeln.


"Jedes Medium, das die Möglichkeit des Menschen erweitert, kann auch seine Welt ins Wanken bringen" 32

 

 

 

Fussnoten:
1) Shakespeare, William, Der Sturm, IN: Huxley, Aldous, Schöne neue Welt, Frankfurt am Main, 1953, Seite 7
2) Orwell, George, 1984, Berlin, 1999, Seite 189
3) Hamann, Johann Georg, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, Königsberg, 1784, Seite 9, IN: Kant, Hegel, Hamann, Herder, Lessing, Mendelssohn, Riem, Schiller, Wieland, Was ist Aufklärung?, Stuttgart, 1974
4) Hamann, Johann Georg, Seite 11
5) Hartmann, Frank, Netzkultur - Leben im Datenstrom, 14.8 Eine neue Aufklärung?, Seite, 325 IN: Hartmann, Frank, Medienphilosophie, Wien, 2000
6) Hartmann, Frank, Netzkultur - Leben im Datenstrom, 14.8 Eine neue Aufklärung?,Seite 326
7) Nikolai Berdjajew, IN: IN: Huxley, Aldous, Schöne neue Welt, Frankfurt am Main, 1953, Seite 7
8) Musashi, Miyamoto, Das Buch der 5 Ringe, Düsseldorf, Wien, 1993, Seite 8
9) Musashi, Das Buch der fünf Ringe, Seite 23
10) Musashi, Das Buch der fünf Ringe, Seite 57
11) Musashi, Das Buch der fünf Ringe, Seite 64
12) Musashi, Das Buch der fünf Ringe, Seite 58/59
13) Villém Flusser, Gedächtnisse, IN: Baudrillard, Böhringer, Flusser, von Foerster, Kittler, Weibel, Philosophien der neuen Technologien - Ars Electronica, Berlin, 1989, Seite 41
14) Villém Flusser, Gedächtnisse, Seite 46
15) Villém Flusser, Gedächtnisse, Seite 48/49
16) Villém Flusser, Gedächtnisse, Seite 49
17) Villem Flusser, Gedächtnisse, Seite 52
18) vgl. Ingerl, Andreas, Städte aus Bits, 1997, http://www.no-norm.de/artikel/19970421_staedte_aus_bits.htm
19) Press1, http://www.press1.de/ibot/db/9893279591566121548n0.html
20) Golem.de, http://www.golem.de/0203/18587.html
21) WDR, http://www.wdr.de/tv/aks/angeklickt/themen/a/avatare.html
22) Hensler, Wolfgang, Interface-Agenten, IN: Bürdek, Bernhard E., Der digitale Wahn, Frankfurt am Main, 2001, Seite 132
23) Hensler, Wolfgang, Interface-Agenten, Seite 131
24) Hensler, Wolfgang, Interface-Agenten, Seite 136
25) Hensler, Wolfgang, Interface-Agenten, Seite 132
26) Hensler, Wolfgang, Interface-Agenten, Seite 137
27) Hensler, Wolfgang, Interface-Agenten, Seite 138
28) Hensler, Wolfgang, Interface-Agenten, Seite 134
29) Hensler, Wolfgang, Interface-Agenten, Seite 137
30) Maes, Pattie, IN: Bradshaw, Jeffrey M., Software Agents, London, 1994, Seite 147 f.
31) Hensler, Wolfgang, Interface-Agenten, Seite 139
32) Kay, Alan, IN: Spektrum der Wissenschaft Nr. 1/1998, Seite 18

 
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